Die Frauen hinter den Disney-Prinzessinnen

Mulan, genauer gesagt Hua Mulan, ist der Name der Heldin der chinesischen Ballade, die zwischen 420 und 589 nach Christus entstand. Etwa zur gleichen Zeit lebt die Protagonistin im fünften Jahrhundert, die, wie wir es aus Disneys Verfilmung von Mulan kennen, den Platz ihres Vaters einnimmt, um an seiner Stelle in den Krieg zu ziehen. Während sich Disneys Mulan in einer Nacht und Nebel Aktion verkleidet, um sich als Sohn ihres Vaters auszugeben, ist sich ihre Familie in der Ballade dieses Handelns durchaus bewusst, sie befürworten und unterstützen Mulan in ihrem Vorhaben.

Mulan, sei ein Mann!

Wer an dieser Stelle keinen Ohrwurm hat, der hat selbst meiner Meinung nach, als bekennender nicht-Disney-Fan, etwas verpasst. Im Originalsoundtrack singt Jackie Chan höchstpersönlich »I’ll Make A Man Out Of You« (auf deutsch »Sei ein Mann«), ein Song der in der Trainingsmontage des bunt zusammengewürfelten Kriegtrupps zur Bekämpfung der Hunnen läuft (und den ich an dieser Stelle unter diesem Absatz einfügen werde). Im Song macht sich der Hauptmann der Einheit noch darüber lustig, ob die Väter ihm Töchter statt Söhne schickten und spielt damit auf die Unfähigkeit seines Trupps an. Ziel ist deutlich, aus allen letztendlich Männer zu machen. Mulan stellt sich am schlechtesten unter den Schlechten an, ein Zeichen ihres schwachen Geschlechts? Erinnert an ihr eigenes Vorhaben, ihre Familie und ihren Vater zu schützen und siegreich aus der Schlacht davon zu ziehen, gibt die getarnte Chinesin alles, um möglichst schnell besser zu werden, bis sie letztendlich die Beste ihres Trupps ist. Nun wird auch Hauptmann Shang zum ersten Mal positiv überrascht und sein Interesse an Mulan geweckt, die zu dem Zeitpunkt noch alle für einen Mann halten. Aber natürlich darf auch hier keine Disney-Romanze fehlen.

Ganz anders und weniger stereotyp läuft die Ausbildung Mulans im Heldengedicht ab. Ihr Vater war schon immer erpicht, seine Tochter ebenfalls im Kämpfen auszubilden, so beherrschte sie nicht nur verschiedene Kampfsportarten wie Kung Fu, sondern konnte auch mit dem Schwert umgehen. Auch im Film ist es ihr Vater, der nicht erzürnt über das burschikose Verhalten seiner Tochter ist, die mit aller Bravur den Test der Heiratsvermittlerin vergeigt und nicht für das typische Hausfrauenleben geschaffen zu sein. Warum hier nicht die Elemente der über 1500 Jahre alten Vorlage übernehmen und zeigen, wie Mulan schon von Kindesbeinen an ebenfalls trainiert wurde?

Todesstrafe für’s Frau-Sein

War Disney doch immer erpicht, seine jungen Zuschauer vor zu viel Brutalität zu verschonen, gibt es für Mulan im gleichnamigen Film drastische Konsequenzen für ihre Verkleidung und Ausgabe als Mann. Als sie bei einer Begegnung mit den Hunnen stark verletzt wird, wird bei der Behandlung ihrer Wunden klar, dass es sich nicht um einen männlichen Krieger handelt und ihre wahre Identität aufgedeckt. Die Konsequenz steht schnell: Todesstrafe. Hauptmann Shang wird aufgefordert, das Todesurteil zu vollstrecken. Doch durch seine jüngst entdeckte Zuneigung verschont er Mulan. Statt sie zu töten, wird sie in den Bergen zurückgelassen.

Ein abenteuerlicher, von chinesischer Kunst inspirierter Zeichentrickfilm von außergewöhnlicher visueller Geschlossenheit, der ebenso spannende wie amüsante Unterhaltung bietet. Ganz nebenbei entspinnt er einen auch für Erwachsene durchaus spannenden Diskurs über Geschlechterrollen und Männlichkeitsbilder.

–  Lexikon des internationalen Films

Hua Mulan kämpfte mehrere Jahre lang in der chinesischen Armee. Als sie für ihre herausstechenden Taten zum General befördert wird, deckt sie ihre wahre Identität auf und präsentiert sich in Frauenkleidung vor der gesamten Einheit. Statt eines Todesurteils war es nur noch mehr Respekt, der Mulan entgegengebracht wurde.

Mulan aus dem gleichnamigen Disney-Film von 1998.
»Mulan« © 1998 Disney

Dennoch ist Mulan letzten Endes die Heldin

Zurückgelassen in den Bergen ist es dennoch Mulan, die am Ende als Nationalheldin gefeiert wird. Während sich die restliche Einheit auf ihrem Siegeszug nach der gewonnenen Schlacht zurück nach Peking aufmacht, bemerkt Mulan, dass sie nicht die einzige Überlebende ist. Auch sie eilt nach Peking, um alle zu warnen, doch haben die Hunnen zu dem Zeitpunkt den Kaiser schon entführt.  Sie ist es jedoch, die gemeinsam mit ein paar ihrer Kameraden den Kaiser befreien kann, der sie daraufhin für ihre Leistungen ehrt, obwohl sie sich anfangs als Mann ausgegeben hat.

Als sie heimkehrt, ist es ihr Vater, der sie in die Arme nimmt und es als größte Ehre ansieht, sie als Tochter zu haben. Während Mulan nach der Schlacht gegen die Hunnen wieder zu ihrer Familie zurück kehrt, dient Hua Mulan über mehrere Jahre hinweg. Auch für sie gibt es trotz ihrer Heldengeschichte kein Happy End. Sie kommt nach Hause, um das Grab ihres Vaters aufzufinden. Wollte sie ihn lediglich schützen und an seiner Stelle in den Krieg ziehen, hat sie ihn letztendlich dennoch in ihrer Abwesenheit verloren. Trotz ihrer Verdienste lebt sie von nun an ein Leben voller Trauer.

Warum, Disney?

Wie bei jeder überlieferten Geschichte gibt es mit der Zeit verschiedene Fassungen und Interpretationen. So gibt es auch Versionen, in denen Hua Mulan nicht als Kriegerin gefeiert wird, sondern als Konkubiene für den Kaiser dient. Dennoch stellt sich die Frage: Warum, Disney? Warum habt ihr euch diesmal dazu entschlossen, eine grandiose Geschichte für junge Mädchen umzuschreiben, Frauen als schwach darzustellen und ihnen sogar mit der Todesstrafe zu drohen, wenn ein über 1500 Jahre(!) altes Gedicht, auf das diese Geschichte beruht, bereits aufgeklärter und offener mit einer jungen und tapferen Frau umgehen kann, die mit klassischen Geschlechterrollen bricht?

Tatsächlich hatte der Film auch seine Schwierigkeiten in China, durfte er erst gar nicht veröffentlicht werden. Erst ein Jahr später erlaubte die chinesische Regierung eine kurzzeitige Aufführung des Films nach dem chinesischen Neujahr, sodass chinesische Produktionen über die Feiertage keine Konkurrenz bekämen. Neben geringen Besucherzahlen in China wurde der Film auch oft dafür kritisiert, dass er zu sehr von der Geschichte von Hua Mulan abweicht.

Ende 2017 wurde bekannt, dass Disney nicht nur an einer Realverfilmung von Mulan arbeitet, sondern die chinesische Schauspielerin Liu Yifei die Hauptrolle übernimmt. 2019 soll der Film in die Kinos kommen. Vielleicht mit etwas mehr Nähe zur Vorlage und einem modernerem Frauenbild?

Die chinesische Schauspielerin Liu Fei in den ersten offiziellen Bildern von Disney als Mulan.
Eines der ersten Promobilder von Liu Fei als Mulan © Disney
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6 Comments

  • Liebe Sophia,
    ein wirklich spannender Artikel, danke dafür!
    Ich finde es interessant, wie grausam Märchen in Wirklichkeit sind und was Disney und Co. letztendlich daraus gemacht haben, um sie vor allem jüngeren Menschen zugänglich zu machen.
    Am gruseligsten ist ja echt Dornröschen.
    Den Aspekt mit Mulan finde ich cool, ich hoffe sehr, dass sie im Film mehr als Heldin gefeiert wird und es dem Originaltext näher kommt, als der Disney Film.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Eine Freundin, die aktuell ihre Bachelor-Arbeit auch über Märchen schreibt, hat mir die Geschichte von Dornröschen erzählt, die ich vorher so auch noch gar nicht kannte. Für den Artikel hab ich dann auch nochmal recherchiert und war sehr erschrocken darüber. Aber eben auch über Mulan. Für mich geben die Änderungen seitens Disney bis dahin noch irgendwo Sinn, aber hier… Naja, kann mich dir da nur anschließen, dass die Realverfilmung hoffentlich vielleicht etwas „erwachsener“ und/oder näher am Original dran ist.

  • Ich bin gerade durch Niccis Verlinkung hierher gekommen. Super cooler Beitrag 🙂
    Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau und die von Pocahontas kannte ich schon, aber die anderen waren auch super spannend. Na gut, Dornröschen ist echt verstörend, aber das sollen ja viele alte Märchen sein.
    Ich hoffe auch, dass Mulans Geschichte in der Real-Verfilmung dann etwas anders gestaltet wird, der Film könnte so eine richtig coole Botschaft für Mädchen haben!
    Viele Grüße, Katie

  • Ein sehr erfreulicher Artikel. 🙂 Gerade die Passage zu Pocahontas hab ich sehr gemocht; sie war für mich eine meiner großen Heldinnen meiner Kindheit, ein absolutes Vorbild in ihrem Verhalten, mit ihrer Verbindung von Mitgefühl und Stärke.

    Ein paar Worte zu Mulan. Zunächst einmal halte ich die Darstellung Mulans im Disney-Film ebenfalls nicht für sonderlich gelungen, wie ich den Film auch generell für einen der schwächsten Disney-Filme der 90er Jahre halte. Insofern möchte ich an dieser Stelle auch keinesfalls eine Lanze für den Film brechen oder seine Darstellung von Mulan gutheißen.

    Ich meine allerdings, dass es der Komplexität der Mulan-Legende nicht ganz gerecht wird, als Maßstab allein die Ballade aus der Zeit der Südlichen und Nördlichen Dynastien anzulegen. Um Hua Mulan existiert eine Folklore, die viel größer ist, als das Ursprungsepos, das in seiner Urform wohl auch den meisten Chinesen nicht im Original bekannt sein dürfte, sehr wohl aber der Mythos an sich und seine späteren Adaptionen. Man kann sich das ein bisschen wie beim Nibelungenlied vorstellen, dass wohl auch nur wenige Deutsche im Original kennen, das aber nur eine von mehreren Adaptionen der Legende ist und selbst eine unüberschaubare Zahl von Adaptionen nach sich zog.

    Du merkst im Artikel zwar kurz an, dass verschiedene Fassungen und Interpretationen existieren. Ich meine aber, dass diese in der Bewertung der Disney-Fassungen auch eine größere Rolle spielen sollten, da der Disney-Film womöglich mindestens genauso sehr auf diesen Werken und der einem ständigen Wandel unterliegenden Folklore aufbaut wie auf der Originalballade. Dabei ist unter anderem auch die „Romance of the Sui and Tang“ bedeutsam, eine Romanadaption aus dem 17. Jahrhundert, die für Mulan sogar noch weitaus schlimmer ausgeht, als der Disney-Film und die mit ihren Ausschmückungen sicher auch bei der Disney-Adaption eine Rolle spielt.

    Die Frage nach „mehr Nähe zur Vorlage“, wie sie etwa im letzten Absatz auftaucht, finde ich deshalb etwas irreführend. So etwas wie „Werktreue“ gibt es in Bezug auf die Hua Mulan-Legende nach meiner Ansicht nicht, weil es nicht (mehr) _die_Vorlage gibt. Hätte sich Disney stärker auf die Ballade gestützt, wäre das möglicherweise sogar als un-authentisch „empfunden“ wurden, da die Mulan der Ballade nicht notwendigerweise dem populären Mulan-Bild des späten 20. Jahrhunderts entspricht. Dieses wurde meines Erachtens vor allem durch die Filmadaptionen der Bürgerkriegszeit geprägt, sowie durch die Bezugnahme auf die Legende im nachrevolutionären China. In dieser Zeit war der Mulan-Topos durchaus populär, ließ er sich doch (wie auch die sehr aufgebaute ähnliche Meng Lijun-Geschichte, die im 18. Jahrhundert von einer Frau, Chen Duansheng verfasst wurde) für die Zwecke der kommunistischen Gesellschaftsidee bestens gebrauchen.

    Dabei geht es vor allem um die problembehaftete Form des Women-Emporments im nachrevolutionären China, dessen sich der Kommunismus zumindest auf dem Papier verschrieben hatte. Um seine eigene Progressivität und „Heilsbringung“ inbesondere für Frauen zu betonen, musste er die Vergangenheit als frauenfeindlich darstellen, auf eine Art, die über die reale Unterdrückung möglicherweise noch hinausging. Nach dieser Lesart war es einfach nicht „denkbar“, dass Frauen in einer Zeit der chinesischen Geschichte womöglich schon stärker empowered waren, da der Kommunismus sich über die vermeintliche Befreiung und den Fortschritt gegenüber der republikanischen oder dynastischen Zeit legitimieren musste.

    Neben dieser Verzerrung der Vergangenheit ist schließlich auch die Art und Weise des Empowerments äußerst problematisch, da es sich um ein Empowerment durch Maskulinierung handelte, während alles „weibliche“ gering geschätzt wurde. Aus naheliegenden Gründen eignete sich die Mulan-Legende dafür sehr gut, obwohl diese zweifellos auch andere Deutungen zulässt bzw. die von dir hervorgehobene Originalballade viel progressiver, möglicherweise tatsächlich viel „feministischer“ ist.

    Daneben deutete die kommunistische Lesart das Werk dabei in einer Art um, das die ursprüngliche darin ausgedrückte, konfuzianisch geprägte innerfamiliäre Pietät des Kindes gegenüber seinem Vater in die Pietät des Individuums gegenüber der Nation und dem Staat verkehrte (und insbesondere auch der Frau, die nun in dem Maß, wie sie Anteil haben Staat haben sollten, auch Verpflichtungen haben sollte – oder anders gesagt: der Staat löst den Mann als ihren Herrn ab, sie bleibt aber letzten Endes unfrei). Kurz gesagt: Befreiung und Empowerment der Frau nicht um ihrer selbst willen, sondern für das Wohl des Staates. Und selbst diese problematische Form der Gleichberechtigung wurde spätestens ab 1978 erneut in einem Backlash dem Wiederaufflammen alter Rollenbilder geopfert.

    Mit alldem will ich keineswegs sagen, dass Disney sich nicht auch stärker an der Originalballade und damit an einem ultimativ progressiveren Mulan-Bild orientieren können oder sollen, ich meine aber, es ist im Kontext der Mulan-Rezeption des 20. Jahrhunderts zumindest nicht überraschend, dass der Disney-Film letztlich die Form hat, die er hat, und die in Relation zu vielen anderen Adaptionen des 20. Jahrhunderts noch eher progressiv abschneidet.

    Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie das bei der neuen Verfilmung sein wird, auch da der Mulan-Mythos nach wie vor populär und nach wie vor im Wandel ist, während die Disney-Version zumindest in China selbst kaum Spuren hinterlassen haben dürfte. Was ich bisher von der Neuverfilmung gehört habe, macht mich aber leider nicht gerade optimistisch.

    • Erstmal vielen Dank für diese ausführliche Antwort! Ich habe zwar versucht auch etwas mehr über die anderen Formen der Ballade herauszufinden, aber tatsächlich nicht so genau an die Rezeption gedacht und bin froh um die Erklärung hier in den Kommentaren. Dies wirft definitiv nochmal mehr Licht auf die Entscheidungen und warum man sich vielleicht gerade eben für diese Darstellungsweise und Verarbeitung des Stoffes entschieden hat.
      Ich fand Mulan tatsächlich immer toll, weil sie eben nicht die typische Prinzessin war, aber ich bin auch kein großer Disney-Fan, dass ich mich über die Jahre hinweg immer wieder mit dem Filmen beschäftigt hätte. Als ich dann nun also knapp 20 Jahre später nochmal mit dem Film auseinandergesetzt habe, war ich erstmal tatsächlich ein wenig geschockt. Würde zu gerne wissen, ob ich damals als Kind anders reagiert hätte bzw. der Film anders auf mich gewirkt hätte, wäre die Darstellung eine andere gewesen. Nicht dass sie mir so irgendwie geschadet hätte, im Gegenteil, Mulan ist ja immer noch eine starke Person. Aber dass sie dafür eben nicht bestraft würde.

      Mal schauen, wie es die Neuauflage dann machen wird. 🙂

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