Empathie und Bewusstsein im medialen Raum

Max aus Life is Strange

Stell dich nicht so an! – gut und gerne benutzt zum Thema Depressionen, Schwierigkeiten und auch im jüngsten Aufschrei, der #MeToo-Debatte.
Für mich ist das eine Aussage, die mit extremer Ignoranz einher geht und doch leider viel zu oft zu lesen ist.

Warnung: Dieser Artikel enthält sensible Inhalte

Reden wir nun beispielsweise von #MeToo und sexueller Belästigung, gibt es oft die problematische Grundsatzfrage, was denn nun wirklich Belästigung sei, was strafbar, was ein dummer Witz, was vielleicht auch nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Obwohl es unter den aufschreienden Betroffenen ganz sicher mehr als eine Handvoll Menschen gibt, die Situationen überinterpretieren und bloß gerne ein Stück vom Kuchen der medialen Aufmerksamkeit abhätten, so halte ich es doch für angemessener mit Vorsicht und Einfühlungsvermögen an das Thema heranzugehen, statt mit der Brechstange.
Wie gravierend eine Tat, sei sie von sexueller Natur oder eine andere persönliche Erfahrung, ist, entscheiden im Endeffekt nicht Außenstehende, sondern das Opfer selbst.
Geht es um Schmerzen, um Traumata, um schlimme Erlebnisse, sollten wir niemals in Messlatten denken (aber die Kinder in Afrika…!) und anfangen Narbentiefe zu vergleichen. Jeder empfindet Schmerz anders und verschiedene Menschen haben verschiedene Hemmschwellen und unterschiedlich starke Reaktionen auf Überschreitung eben dieser. Etwas, was in der eigenen ‚Filterbubble‘ und Erlebniswelt gerne einmal vergessen wird.

Ebenso hält es sich mit der Reaktion auf sensible Medieninhalte und sogenannte Triggerwarnungen.

 

Empathie statt Engstirnigkeit

Es ist erschreckend zu lesen, wie viele Sexualstraftaten immer noch nicht angezeigt werden, wie viele Opfer schweigen. Erschreckend, wie viele kranke Menschen sich immer noch keine Hilfe suchen, vor Scham, vor Angst oder weil ihnen immer wieder eingeredet wird, ihre Gefühle seien nicht valide.
Einen Raum zu schaffen, in dem man über Erlebtes offen reden kann, ohne denunziert oder ausgelacht zu werden, ist meiner Meinung nach der erste Schritt Opfern und leidenden Menschen Mut zu geben.
So wurden beispielsweise im Rahmen der #MeToo Debatte Stimmen laut, die behaupteten, jede Frau, die nicht Anzeige erstatte, sei längerfristig  selbst Schuld und wir sollen uns endlich wehren, statt einen Hashtag zu starten.
Dabei unbeachtet blieb allerdings das große Ausmaß an Mut, den es kostet, sein eigenes Trauma zu überwinden und den ersten Schritt zu machen. Nicht anders hält es sich bei Suche nach einem Therapieplatz oder dem Beginn einer medikamentösen Behandlung psychischer Probleme.

Und der erste Schritt ist meist nicht die Anzeige oder ein Anruf beim Arzt, sondern ein erstes Gespräch, ein Eingestehen des Passierten oder der Gefühle, der Probleme. #MeToo hat viele Augen geöffnet, nicht nur die Außenstehender, sondern auch die der Opfer, welche plötzlich merken wie wenig allein sie eigentlich sind.

Solidarität kann eine Superwaffe sein.

 

Hellblade: Senua’s Sacrifice

Genau deswegen halte ich es für so wichtig psychische Krankheiten immer wieder anzusprechen. Wir leben im 21. Jahrhundert und noch immer wird man bei Schilderung depressiver Symptome ausgelacht oder sofort ausgebremst. Natürlich wird niemand von einem Tweet über seine Krankheit geheilt, aber es geht auch hier darum, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Zu sagen „hier bin ich, was ich fühle ist real“. Psychische Krankheiten sind nicht weniger drastisch als ein Knochenbruch und führen in nicht wenigen Fällen sogar zum Tod. Besonders, weil zu wenig darüber gesprochen wird.
Es ist dabei gerade wichtig, die Menschen zu erreichen, die mit solchen Themen noch nie in Kontakt kamen, denn meist sind es genau die, die mit Sprüchen wie „Stell dich nicht so an!“ glänzen.

Es muss ein gesunder Mittelweg gefunden werden, bei dem psychische Probleme nicht glorifiziert und überspitzt, aber auf jeden Fall ernst genommen und erkannt werden. Allerdings denke ich mir hier: Lieber bin ich einmal zu zuvorkommend zu einer Person, die vielleicht nur einen miesen Tag hat und besonders dramatisch ist, als dass ich einer wirklich kranken Person schmerzhaft vor den Kopf stoße.
Wie es jemandem geht, habe schließlich nicht ich, der Zuhörer oder Außenstehende, zu entscheiden – und ich empfinde es als anmaßend über eine Person hinweg zu urteilen.

 

Trigger Warning!

Das bringt mich zu einem weiteren wichtigen Punkt meiner „Stell dich nicht so an!“-Debatte. Trigger-Warnungen. Gerne verschrien als tumblr-Phänomen oder geläufiges Meme (#triggered), verlieren wir aus den Augen, worum es hier wirklich geht. Nämlich nicht darum, gesunde Personen zu ärgern und zu nerven, sondern kranke, sensible und traumatisierte Personen zu schützen. Der Gedanken dahinter ist ein nobler, wenn nicht sogar selbstverständlicher. So werden Kriegsveteranen beispielsweise vor Aufnahmen aus Kriegsgebieten gewarnt oder Opfer sexueller Gewalt vor Szenen eben solcher in Film, Serie und Spiel. Was für unbeeinflusste Menschen lächerlich wirkt, ist doch für Betroffene oftmals sehr wichtig.

Mit dem Begriff Triggerwarnung bezeichnet man (…) einen Warnhinweis auf mögliche Auslösereize (Auslöser, englisch trigger).
Damit soll ein Mensch, der selbst Lebensbedrohliches erlebt hat, vor einer ungewollten Erinnerung an die belastende Situation durch die Berichte anderer gewarnt werden. Intensive Berichte und Diskussionen können sonst Auslöser der eigenen Belastungen werden, die zu viel Angstreaktionen auslösen.
Ein solcher Auslöser kann beispielsweise die Schilderung eines sexuellen Missbrauchs sein. Bei Personen, die selbst Opfer eines Missbrauchs oder von Mobbing oder ähnlich Belastendem geworden sind, können dadurch starke Angst- und Panikgefühle oder ein selbstverletzendes Verhalten hervorgerufen werden.

Quelle: Wikipedia

Auch hier gibt es natürlich Grenzen. Man muss im Horror-Genre nicht vor Jumpscares oder Blut warnen, denn jeder Erwachsene wird hoffentlich genug Menschenverstand besitzen, um sich dessen bewusst zu sein. So kann man sich auch fragen, ob Trigger-Warnung zu Krieg vor einem Kriegsfilm tatsächlich angemessen sind. Außerdem sollten sich solche Warnungen auf das Wesentliche beschränken – erstens, um den Inhalt nicht schon vorher preiszugeben und auch zweitens, um das Bild, das im Kopf des Opfers entsteht, möglichst neutral und klein zu halten.
Aber wer hat schon mit der Dark Room Szene in der letzten Episode von Life is Strange gerechnet, die einem gewaltige Bilder entgegen schleudert? (Klicken bitte auf eigene Gefahr.)
Mich haben diese Bilder, ganz ohne persönliche Vorbelastung, lange beschäftigt.

Life is Strange

Es ist schwierig zu sagen, ab wann man eine Warnung geben sollte und wann sie überflüssig erscheint. Denn auch ich kann mich nicht über andere Menschen erheben und bestimmen, was sie wissen müssen, womit sie rechnen müssen, womit sie umgehen können. In Fragen von Sensibilität und wunden Punkten müssen wir alle über unseren eigenen Tellerrand schauen und – zum Wohle anderer – auch mal einstecken. Bringt es mich wirklich um vor einem Film eine kurze Warnung zu sehen, die mich nicht betrifft, wenn dadurch eine andere Person im Kinosaal vor eigenem Horror verschont bleibt?

So beobachte ich oft, dass Menschen, die bereits den Schritt getan haben und Verständnis für mentale Probleme und Übergriffe aufbringen, bei eben diesen Warnung einen Strich ziehen und ihr Verständnis hier enden lassen.

Und doch denke ich in vielen Punkten: Better safe than sorry.

 

Sensibilisierung durch Medien

Darüber zu lachen, deswegen die Augen zu rollen, ist schlichtweg ein Privileg, dessen sich die Meisten nicht bewusst sind. Unsere eigene Stärke, unser eigener Umgang mit gewissen Szenen, ist nicht die Stärke aller.
Ich halte es weder für unmenschlich, noch für unmöglich einfach mal etwas Empathie an den Tag zu legen und einmal von sich selbst abzusehen. Denn jeder von uns ist nicht ausschlaggebend für den Zustand einer anderen Person. Wir sind nur die Protagonisten unseres eigenen Lebens, nicht einer universalen Realität.
Unsere eigenen Erfahrungen, positiv, wie negativ, definieren uns, geben uns aber nicht das Recht andere zu bevormunden.
Denn, solange wir uns in einem vernünftigen Rahmen bewegen, sollte Menschlichkeit an oberster Stelle stehen. Viel zu oft sind wir abgestumpft, desensibilisiert durch das eigene intakte Umfeld und Medien.
Gerade bei Websites wie Twitter möchte der User sich nicht mit schweren, langatmigen Themen auseinander setzen, sondern schnell scrollen und dabei am liebsten wenig denken. Wir suchen uns unsere eigene kleine Gruppe aus Inhaltsautoren zusammen, welchen wir folgen und entsetzen und dann über Hashtags, die mit unserem persönlichen Interesse wenig zu tun haben. Twitter, als Beispiel, ist so alltäglich, so leicht, dass es extrem abstumpft. Dabei sind gerade auch sexuelle Übergriffe und psychische Krankheiten Alltag für viele. Und gerade deswegen ist es auch wichtig solche Themen in soziale Netzwerke zu tragen und nicht nur in Hilfeforen und geschlossenen Kreisen zu kommunizieren.
Medien tragen eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle, wenn es um Prägung und Wahrnehmung in unserer heutigen Zeit geht. Wie berichtet wird, was berichtet wird – es beeinflusst uns extrem.

Medien, die gerade psychisch kranke Menschen auf unsensibelste Weise stigmatisieren und dämonisieren – mag man nur an diverse Spiele und Filme aus dem Horror-Genre denken, in denen mentale Hilfsanstalten als Schauplatz und zutiefst kranke Personen als Bösewicht gewählt werden.
Beispiele wären hier ganz klar die Asylum Reihe der Batman Spiele mit dem ikonischen Joker oder auch Outlast.
So werden psychisch Erkrankte immer wieder als kriminell, gewaltbereit und komplett unzurechnungsfähig dargestellt. Eine Darstellung, die realen betroffenen Personen stark schaden kann, nicht nur in der Fremdwahrnehmung, sondern auch im eigenen Bewusstsein.

Natürlich gibt es nicht nur negative Beispiele. Glücklicherweise wächst in der Film- und Spieleindustrie langsam das Verständnis und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber Opfern mentaler Probleme.
Erst jüngst erschien mit Hellblade: Senua’s Sacrifice ein Titel, der dem Spieler die Symptome von Schizophrenie und Depression auf respektvolle und authentische Weise näher bringt. Ganz ohne Klischees oder abgenutzte Tropes.
In Spec Ops: The Line sehen wir einen Soldaten, der unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (kurz PTBS oder Englisch: PTSD) leidet und dabei in keiner Weise bloßgestellt wird. Und dabei ist PTBS unter Soldaten die häufigste auftretende mentale Beeinträchtigung. Etwas, was in Spielen mit Kriegs-Setting gerne komplett ignoriert wird.

Spec Ops: The Line

Es geht darum, eben ein jenes neues Bewusstsein zu schaffen und Menschen zu helfen, endlich nach vorne zu gehen, weg von einer Vergangenheit, in der psychisch Kranke als Monster gesehen werden. Weg von einer Vergangenheit, in der Frauen auf Grund von ‚Hysterie’ eingesperrt werden oder man Geisteskrankheiten mit Elektroschocks zu heilen glaubte. Weg vom Fingerzeigen und Victim-Blaming. Niemand verlangt diese wunden Punkte zum einzigen, omnipräsenten Thema zu machen. Aber wir müssen sie in unserer Mitte aufnehmen, erkennen. Diese Dinge, die (leider) so alltäglich sind, dürfen nicht vergraben werden.
Dabei ist es nicht so, dass wir als Gesellschaft mehr und mehr ‚verweichlichen’, sondern bloß aufhören zu ignorieren, was schon so lange existiert. Und durch Ende der Ignoranz kann aus Schwäche Stärke werden. 

 

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