Feminismus und Verantwortung: Darf ich problematische Medien gut finden?

Manchmal, nein, sogar sehr oft, wenn ich durch Social Media scrolle, stoße ich auf kritischen Diskurs über Sachen, die ich persönlich sehr gerne mag.
Zum Beispiel über das Frauenbild in bestimmten Spielen oder Serien, die Abwesenheit von PoC in Fantasy-Settings oder zuletzt auch das toxische Verhalten bestimmter Marvel-Figuren, die mir sehr am Herzen liegen.
Und oft ist eine erste Reaktion eine defensive Abwehrhaltung. Nicht nur, weil mir die Sachen am Herzen liegen, sondern auch weil man sich zum Teil mit ihnen identifiziert und es schnell wie Kritik an der eigenen Person oder zumindest den Vorlieben wirkt.
Und diesen Diskurs halte ich trotzdem, oder gerade deswegen, für sehr wichtig, denn manchmal, wenn man Fan ist und einfach Spaß an etwas hat, verschwindet der kritische Blick und ich selbst sehe Probleme erst, wenn ich mit der Nase darauf gestoßen werde oder das Medium noch mal unter einem anderen Aspekt konsumiere.

So gibt es Filme oder Serien, die ich als Jugendliche geliebt habe, von denen ich mich nun eher distanziere, weil ich mich weitergebildet habe, reflektiert habe und Vieles kritischer sehe. Weil ich gelernt habe, woher manche verletzenden Klischees kommen und weil ich nicht mehr wegsehen kann, wenn sie mir ins Auge springen.
Trotzdem fällt es mir schwer, und damit bin ich sicher nicht alleine, jedes Medium kritisch zu sehen und mich von Allem abzuwenden was (meist zurecht) kritisiert wird.
Und ganz oft, wenn ich zum Beispiel The Witcher 3 als mein Lieblingsspiel nenne und mal wieder ein neues Spiel starte, während es in meiner Timeline zurecht für sein Whitewashing, sein Frauenbild und seinen gritty realism kritisiert wird, kommt die Frage auf:
Darf ich das Medium trotzdem gut finden? Darf ich etwas Problematisches genießen? Und das führt, wenn ich still die Gespräche vieler toller Feministinnen mitlese, zu der Kernfrage: Bin ich überhaupt feministisch genug? Bin ich eine gute Feministin, mache ich es richtig?
Und all diese Fragen sind sehr stark geknüpft an ein Schuldgefühl, etwas gut zu finden und an etwas Spaß zu haben, dass offenkundig problematisch ist und das obwohl ich ja selbst einen Blog führe, andere Medien kritisiere. Ist das Doppelmoral? Darf ich das?

Grundsatzfragen und Gatekeeping

Diese Diskussion lässt sich ewig weiterführen:
Wenn jemand Fleisch isst, aber seinen Konsum reduziert und dafür beginnt auf tierische Milchprodukte zu verzichten.
Jemand, der Strom spart, auf Plastik verzichtet, aber mit dem Auto zur Arbeit fahren muss.
Jemand, der sich für Feminismus und Gleichberechtigung einsetzt, aber bisher wenig Kontakt zu PoC hatte.
Sollte ich die Person verurteilen, oder sollte ich ihr die Hand reichen? Stehen wir nicht auf der selben Seite, nämlich der bewussten, die bereits erste Schritte macht?
Ganz oft habe ich das Gefühl, dass Anfeindungen an falscher Stelle stattfinden und es nur noch um moralische Überlegenheit geht, nicht die Sache an sich. Nicht das gemeinsame Ziel, ein gemeinsamer Konsens. Die Tatsache, dass man den selben Weg geht, aber vielleicht an unterschiedlich Abschnitten ist, führt so häufig zu Arroganz und Abgrenzung, obwohl es zu Solidarität und Unterstützung führen sollte.
Warum sparen wir unsere Energie, unseren Zorn nicht für die, die ignorant sind, die bewusst weg sehen, statt für die, die sich bemühen. Ist das nicht auch eine Art von Gatekeeping aus moralischer Überlegenheit heraus?

Wie kann daraus ein konstruktiver Diskurs entstehen?
Darf ich mich nur Feministin nennen, wenn ich einen gewissen Grad an Radikalität habe? Darf ich mich Feministin nennen, wenn ich manche Ströme und Ausdrücke der Bewegung ablehne?
Oft habe ich das Gefühl, dass ich es nicht darf, dass ich mich beweisen muss.

Gal Gadot in Wonder Woman
Und darf ich eigentlich Feministin sein und Wonder Woman nicht mögen?

Was man darf, was man ist, was einem wichtig ist, das entscheidet am Ende jeder für sich. Wichtig ist der Umgang damit.
Ein Beispiel aus der Popkultur: Ich liebe One Piece. Ich lese One Piece seit über 10 Jahren und hänge immens an den Figuren. Ich habe bei keiner Reihe so viel geweint und so viel gelacht.
Aber alle meine liebsten Figuren sind männlich. Es geht sogar soweit, dass ich kaum eine Frauenfigur in One Piece mag, weil ich sie oftmals für schlecht geschrieben halte. Und dessen bin ich mir vollkommen bewusst. One Piece ist nicht feministisch und leistet keinen guten Beitrag zum Frauenbild.
Das Frauenbild in Japan und in Shonen-Manga ist sowieso eine ganz eigene Thematik.
Aber der Punkt für mich ist: Ich bin mir dessen bewusst. Ich würde diesen Punkt nie leugnen und ich würde den Manga in diesem Punkt nie verteidigen.
Genauso ist es bei den Witcher-Spielen. Ich sehe die Kritik sehr deutlich, ich würde nie wiedersprechen. Sie stört mich nur nicht so sehr, wie sie es vielleicht sollte, weil ich das Spiel nicht mit den Anspruch gespielt habe, gesunde Rollenbilder zu sehen oder ein diverses und entsprechend akkurates Fantasy-Mittelalter.
Ich finde es durchaus problematisch, gerade wenn solche Medien ausschließlich gehypet und nie kritisiert werden.
Ich denke aber, dass das Eine das Andere nicht zwangsläufig ausschließt. Ich kann eine kritische, differenzierte Meinung zu etwas haben und trotzdem Gefallen daran finden. Ich muss nicht jeden Aspekt eines Mediums gut heißen, um Spaß daran zu haben.

Konstruktiver Umgang

Viel wichtiger ist der kritische Umgang damit, sich der Problematik bewusst zu sein. Own voices nicht kleinzureden, nicht wegzusehen und irgendwo eine Linie zu ziehen, die moralisch nicht überschritten werde sollte.
Nicht jedes Spiel, nicht jeder Film, den ich konsumiere, muss gesellschaftlich anspruchsvoll sein. Ich wage zu behaupten, dass kaum ein Medium wirklich perfekt ist.
Inwiefern man so etwas weiter unterstützt, ist ein Abwegen der eigenen Prioritäten.
Und oftmals, so ist es mein Eindruck, kann auch unter Fans, nicht Kritikern, ein sehr konstruktiver Dialog entstehen, wenn man gemeinsam über Kritikpunkte redet und sich deren bewusst macht. Ohne jemanden zu verurteilen, der etwas trotzdem mag.
Denn Medienkonsum ist vor allem Eines: Subjektiv. Jeder legt für sich bestimmte Punkte fest, auf die er achtet. Und auch wenn gewisse problematische Aspekt vorhanden sind, überwiegt manchmal der Spaßfaktor, eine emotionale Bindung, oder Nostalgie. Diese Sachen entbinden einen nicht von der Verantwortung des Bewusstwerdens, aber sie rechtfertigen eine subjektive Affinität.

Und ich denken, wir müssen nicht alles richtig machen, solange wir die Augen nicht vor dem Falschen verschließen.
Denn eigentlich stehen wir doch auf der selben Seite.

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2 Comments

  • Hallo Larissa,
    ein guter Beitrag. Ich liebe auch The Witcher 3 und halte mich noch zurück es zum dritten Mal durchzuspielen. Als Frau ist mir auch sofort aufgefallen, dass da so vieles nicht stimmt an dem Frauenbild in dem Spiel, aber trotzdem vergöttere ich es! Die Atmosphäre, die Musik (!!) und ganz simpel das Spielprinzip trifft einfach genau ins Schwarze bei mir.
    Ich sehe es so: jede Art von Extreme ist irgendwie ungesund. Extrem etwas abzufeiern, ohne Kritik zuzulassen, genauso wie etwas extrem zu hassen und zu verteufeln. Solange man mit offenen Augen durch die Welt geht, verstehe ich nicht warum ich oder andere sich schlecht fühlen sollten, weil sie ein Spiel lieben was schlechte Rollenbilder zeichnet. Solange die kritische Auseinandersetzung nicht ausbleibt sollte man sich nicht schlecht fühlen müssen.
    Viele Grüße,
    murph

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