State of Play: Frauen im eSport

Geguri - die erste weibliche Profi-Spielerin der Overwatch League.

Vor einiger Zeit habe ich bei Susi auf Susis Nerd Heaven einen Beitrag über die Souveränität von Gamer Girls geschrieben. Angelehnt an einen unserer Launch-Artikel von Larissa, „Das Gamer-Girl Problem”, schrieb ich zum einen über die Wahrnehmung von spielenden Frauen, aber auch, wie manche Frauen selbst zum Image-Problem von „Gamer Girls” beitragen. Leider hat sich an diesem Image, beziehungsweise wie mit Frauen im (professionellem) Videospiel-Bereich umgegangen wird, in dem knappen Jahr, das der Artikel bald online sein wird, nicht wirklich etwas geändert. Mit dem neuesten Beispiel von Overwatch-Spielerin „Ellie” möchte ich dieses Thema also erneut angehen.

#Gamergirl

Fassen wir uns an die eigene Nase, hören wir „Gamer Girl”, denken wir wahrscheinlich alle erstmal an eine Frau, die genüsslich das Kabel ihres Controllers in ihren Mund legt. Die modernere Variante wären wohl lackierte Fingernägel am Controller. Aber was sollte daran schlimm sein? Warum ist der Begriff deswegen negativ konnotiert? Dass man so nicht gescheit spielen kann ist klar, d’uh, aber darum geht es in solchen Social-Media-Posts nicht. Es geht darum, sein Hobby zu präsentieren, seine Leidenschaft und dabei kann man auch ruhig zu sich selbst, zu sich selbst als Frau stehen. Selbstdarstellung finden wir überall und in jedem Bereich. Frauen wollen sich nicht mit unserem Hobby schmücken und interessant machen, sie wollen einfach sein, ohne dafür direkt angefeindet und kritisiert zu werden. Genau darüber schrieb Larissa in ihrem Artikel. Auf unserem Instagram-Account mit Red Riding Rogue haben wir bisher solche Anfeindungen nicht erlebt, auch wenn sich der ein oder andere denken mag „schon wieder den Controller neben ein paar Blumen gelegt, lel” – whatever floats your narrow minded boat.

Ein Controller drapiert mit Kunstblume.

Team Siren – Dekonstruktion der eigenen Vorstellung

Nun aber zu Team Siren und einer Erklärung für diejenigen, die vielleicht nicht wissen, was Team Siren eigentlich ist und was für einen Media-Fuzz das ehemalige League-of-Legends-Team kreiert hat. Team Siren war das erste all female eSports-Team der LoL-Profi-Liga mit allem drum und dran, Sponsoren, einem Team-Haus und ein aufwändig produzierter Team-Trailer. Das einzige was fehlte war eigentliches Gameplay-Material, es gab keine Streams, Videos oder Screenshots zu den verschiedenen Spielerinnen. Das heißt nicht unbedingt direkt etwas schlechtes, greifen viele auf Smurf-Accounts zurück, wie es angeblich auch „Ellie” getan hat, um die Identität zu wahren und sich vor online harassment zu schützen.

Nun mag man sich denken „Yay, Team Siren, go girls!”, aber leider überzeugten die Spielerinnen vor allem von ihrem no sports(wo)menship. Als das Team erstmals Matches mit ihren Teamnamen im Account spielte und das Team leicht zu erkennen war, zeichnete einer ihrer Gegner das Match inklusive Chatverlauf auf. Somit ist niemandem das eigentliche Gameplay der Frauen im Kopf geblieben, vielmehr die Beleidigungen, die sie in den Chat spammten. Es fielen Äußerungen, die man so nur von anderen Trollen im Netz gewohnt ist, „pussy” oder „pussy so big you can join siren” – und das von den Siren-Spielerinnen. Wäre Team Siren einfach nur mehr an fair play interessiert gewesen, hätten sie vielleicht einen wichtigen Schritt für Frauen im eSports machen können. Man kann behaupten, dass sie glücklicherweise nicht mal gut genug für die Profi-Liga waren, da keine der Spielerinnen mit ihrem Account den dafür erforderlichen Durchschnitt erfüllte. Nur zehn Tage nach Release dieses peinlichen Spiel-Mitschnitts löste sich das Team auf.

Das erste all female Overwatch-eSports-Team „Team Siren”

Kim „Geguri” Se-Yeon

Zu der Zeit, als ich von Team Siren zum ersten Mal hörte, hörte ich auch von Geguri, einer jungen Koreanerin, die zu der Zeit 2018 die erste Frau in der professionellen Overwatch-League wurde (und immer noch aktiv ist). Kim ist aktuell 19 Jahre alt und kann schon auf eine beachtliche eSports-Karriere zurückblicken, sie ist eine der jüngsten Profispieler*Innen überhaupt, da sie mit damals 17 Jahren (ebenfalls als erste Frau) einem Overwatch APEX Team beigetreten ist, gefolgt von ihrem Wechsel in ein Overwatch League Team und somit Schritt in die Profi-Liga. APEX ist eine Turnier-Serie in Südkorea und gilt dort als Vorstufe zur Overwatch League.

Geguri erlang vor allem durch ihre schnellen und präzisen Mausbewegungen an Aufmerksamkeit, nachdem ihr von anderen Liga-Spielern unterstellt wurde, im Spiel Aim-Assist-Software zu nutzen. Dieser Vorfall gehört noch immer zu den größten Skandalen der koreanischen eSports-Szene. Die Anschuldigungen ihrer Kontrahenten wurden schnell von etlichen  Stimmen online gestärkt, die Geguri angriffen, beleidigten und bedrohten. Um diese Vorwürfe zu widerlegen, stellte Geguri igr Können unter genauem Monitoring in einem Studio während eines Live Streams unter Beweis und verschaffte sich damit zugleich Eintritt in die Overwatch League und spielt aktuell für die Shanghai Dragons. Wie vor einem Tribunal musste Geguri sich öffentlich beweisen, damit ihr ihre Leistung wirklich anerkannt wird.

Ashkon Esports Overwatch veröffentlichte im gleichen Jahr, in dem Geguri die Profi-Liga betrat, ein Feature in dessen PROfiles-Serie über die junge Südkoreanerin. In diesem Video wird angesprochen, wir hart die Liga für Profi-Spieler ist, dem Druck standzuhalten und dass vermehrt Spieler wegen Burn Out eine Auszeit nehmen und wie gut Geguri derzeit noch mit diesem Druck umgehen kann. Sie musste nicht nur mit den Cheat-Vorwürfen umgehen, sondern auch mit dem Druck als erste weibliche Profi-Spielerin in einem Team, das am Ende der Overwatch League mit nur 0 Punkten da stand. In der kurzen Biographie werden auch die Steine, die sich ihr zu Beginn ihrer Laufbahn in den Weg stellten, angesprochen. Overwatch ist ein Team-Spiel, das persönliche Talent des einzelnen garantiert einem nicht den Erfolg. Doch Geguri wurde während der Spieler-Suche oft ausgeschlossen, sobald die anderen Spieler im Voice Chat herausfanden, dass sie mit einer Frau spielten. Sie spielte sogar mit dem Gedanken, Stimmverzerrer zu benutzen, um ihre Identität geheim zuhalten und entschied sich glücklicherweise dagegen. Auch wenn Geguri sich darüber freut, wenn sie andere Mädchen und Frauen inspirieren kann, ist es nicht ihr Fokus, als spielende Frau bekannt zu sein, sondern als gute Spielerin und für ihren Skill. Wie jeder andere Spieler auch. Und wie es sein sollte. Wer mehr über Geguri erfahren möchte, dem lege ich die PROfiles-Folge von Ashkon nur ans Herz.

Der Fall von Ellie

Nun muss ich diesen Part leider umgestalten, hat sich der Fall von Ellie als „soziales Experiment” herausgestellt, das Frauen im eSports ungefähr genauso hilfreich ist wie die Aktion von Team Siren. Für die, die davon nichts mitbekommen haben, hier nochmal der ursprüngliche Abschnitt, den ich über dieses Ereignis geschrieben habe.

—–[Stand 04.01.2019 – Ursprünglicher Textabschnitt]—–

Nun geistert der Fall von Overwatch-Spielerin Ellie durch meine Social-Media-Kanäle. Elli war ebenfalls Teil eines professionellen Overwatch-Teams, welches in der Minor League spielte. Nun hat Ellie aufgrund der immer stärkenden Belästigung online das Team verlassen. Erst Ende Dezember ist die Spielerin dem Team beigetreten und musste direkt mit einem enormen Druck auskommen, dem sie nicht standhalten konnte und wollte. Wer hätte es gedacht, sie muss sich ähnlichen Problemen wie Geguri stellen.

Da das Team bereits vorab damit gerechnet hat, dass Ellie schnell Ziel von Cyber Mobbing und weiteren Angriffen werden würde, einfach nur deswegen, weil sie eine Frau ist, wurde sich als entgegenwirkende Maßnahme dazu entschieden, Ellies vollen Namen geheim zu halten. Während bei den anderen Spielern Vor- und Nachname bekannt ist, blieb es bei ihr nur bei Ellie, um ihre Identität und Privatleben zu wahren. Dieser Zug stieß direkt auf heftige Kritik, warum man ihre Identität nicht preisgäbe, womit sie von Beginn an anscheinend niemals wirklich ernst genommen wurde. Um ihr Privatleben zu schützen, wechselte die Spielerin ebenfalls auf einen Smurf-Account, der für Kritik am niedrigen Rang sorgte. Ein Smurf-Account ist ein absichtlicher Account, der sich im Namen vom Main-Account unterscheidet und sind demnach meist Zweit-Accounts. Also offensichtlich hat Ellie nicht so viel Zeit in ihren Smurf gesteckt wie in ihren Main, doch dies war ein weiterer Anhaltspunkt, um die Spielerin anzugreifen.

Dadurch, dass Ellie ihre Identität geheim halten wollte, wurde schnell unterstellt, dass jemand anderes an ihrer Stelle spielen könnte – natürlich ein männlicher Spieler. Hinter dem Namen könnten sich mehrere Spieler verstecken, die sich als die Spielerin ausgeben. Wie auch Geguri musste sich Ellie in ihrer kurzen Zeit etlichen Vorwürfen stellen und nahm diese ebenfalls in Angriff. In mehreren Streams lud sie Spieler ein, bei denen vermutet wurde, sie könnten für sie spielen, um das Gegenteil zu beweisen. Doch die Anschuldigungen wurden noch konfuser: es könnte ja auch ein Spieler sein, der für sie spielt, der direkt neben ihr sitzt und von der Kamera nicht erfasst wird. Kotaku berichtet bisher ausführlich über den Fall und versucht bereits Kontakt mit Ellie und ihrem ehemaligen Team aufzunehmen.

—–[Ende des ursprünglichen Textabschnitts]—–

Soziales Experiment gone wrong

Nun hat sich herausgestellt, dass Ellie tatsächlich nicht selbst gespielt hat. Von dieser Tatsache wussten aber angeblich weder ihre Teammitglieder noch Manager des Teams. Die ganze Aktion soll Stand 7. Januar 2019 ein „soziales Experiment” von Streamer Punisher sein, der bereits vorab verdächtigt wurde für Ellie zu spielen und daraufhin als Gegenbeweis als Gast in ihrem Stream auftrat.

Was sollte dieses soziale Experiment nun beweisen? Wie eine Fangemeinde, Mitspieler, Zuschauer auf eine weibliche (Profi-)Spielerin reagieren? Wie lange es dauert, bis die Beleidigungen Überhand nehmen und der Druck zu groß wird? Wie darauf reagiert wird, dass eine Spielerin aufgrund von Online-Belästigung zurücktritt? Die Intention dahinter können wir aktuell nur erahnen. Aber surprise, für all dies brauchten wir keinen weiteren Fall, kein weiteres Experiment. Schauen wir uns einfach Spieler*Innen wie Geguri an, sehen wir, wie hart es als Frau im professionellem eSport war und ist. Leider haben weder Punisher noch sonst alle, die in diesem Fall involviert sind, auch nur irgendwas daran getan, diese Lage zu verbessern. Nein, es hat sie verschlimmert. Mit dem Fall Ellie ist es nun legitim, das Spielen und Können einer Spielerin zu hinterfragen. Kritiker und Trolle werden sich immer auf dieses Beispiel stürzen und anbringen, dass solche Hinterfragungen damit gerechtfertigt seien.

#M3T00

Während der Fall nun weiter brodelt, melden sich immer mehr Frauen aus meiner Timeline zu diesem Thema zu Wort, die in der Vergangenheit ähnlich wie Geguri komplett auf Voice Chats verzichten, um Anfeindungen aus dem Weg zu gehen oder ebenfalls ihre Accounts so (um)benennen, dass sich daraus nicht ihr Geschlecht ableiten lässt. Es ist kein Geheimnis, dass Frauen im eSport mit Sexismus zu kämpfen haben. Das Problem umspannt jedoch alle Bereiche, die das Hobby Gaming mit sich bringt, ob in privaten Rahmen und Beleidigungen durch (Voice) Chats oder in der dahinter stehenden Industrie. Ständig sieht man Frauen in offiziellen und moderierten Streams zu Spielen, Events oder ähnlichem beleidigt und belästigt, etwas, über das auch Eva, ihrerseits Community Managerin bei Bethesda, im Interview mit uns sprach. Da kann man noch so stark drüber stehen, die einen stecken dies vielleicht besser weg als die anderen, doch das Problem bleibt erhalten. „Ellie” entschied sich deswegen schon nach kurzer Zeit ihre Karriere wieder aufzugeben. Wir können uns gar nicht vorstellen, mit welchen Kommentaren Geguri (und andere, tatsächliche Spieler*Innen) sich rumschlagen muss, freuen uns aber, dass sie ihren Weg dennoch weitergeht und ein Team und Fans hinter sich hat, die sie unterstützen.

Disclaimer

Anfangs hatte ich für diesen Artikel das Bild von Team Siren gewählt, mich dann aber umentschieden, da ich diesem Beitrag gerne ein positives Beispiel voranstellen wollte. Daher wählte ich nun doch Geguri, die so hoffentlich noch mehr Leser*Innen inspirieren kann und hoffe, dass möglichst viele dieses positive Beispiel mitnehmen, statt den aktuellen Fall rund um Ellie, auch wenn dieser gebührend kritisiert gehört. Die von mir als Überschriften gewählten Hashtags sind zum einen ironisch gemeint (#Gamergirl), um die negative Konnotation hoffentlich etwas weiter zu brechen. Bei #M3T00 wird euch die Ähnlichkeit zu #MeToo wahrscheinlich aufgefallen sein, welches ich einfach nur in Leet-Speak umschrieb. Ich habe den Hashtag vorher bei Twitter und Instagram gecheckt und nur wenige und gar keine Ergebnisse gefunden. Wer seine Geschichte teilen oder sich für Frauen in der Videospielbranche öffentlich aussprechen mag, kann diesen Hashtag also gerne verwenden und diesem nachgehen.

Ich versuche den Beitrag außerdem möglichst aktuell um „Ellie” zu halten und werden ihn ggf. nochmals updaten.

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