Die Waffen einer Frau

Das fünfte Element Leeloo

Unter »den Waffen einer Frau« verstehen wir hauptsächlich gewisse Wesens- und Körperzüge einer Frau. Die geläufigste Auslegung ist wohl, dass eine Frau ihren Körper und ihre Reize einsetzt, um an ihr Ziel zu kommen. Wenn es nicht ihr Körper ist, dann ist es ihr Charme. Aber besonders oft in Videospielen wird der Körper einer Frau zu ihrer Waffe ⎯ literally. Dennoch möchte ich zu Beginn dieses Artikels im Film starten. Genauer gesagt in Luc Bessons »Das fünfte Element« von 1997.

Milla Jovovich als Leeloo spielt die weibliche Hauptrolle neben Bruce Willis als Korben Dallas. Leeloo ist ein Jahrhunderte altes Wesen, das durch Klonen in eine neue Gegenwart, die Gegenwart des Jahres 2263, katapultiert wird. Sie versteht nichts um sie herum, weder Sprache noch die Welt, kommt sie, genauer gesagt ihre DNA, aus einer anderen Zeit. Frisch geklont ist Leeloo eigentlich ein Neugeborenes, ein geistiges Kind im Körper einer ausgewachsenen Frau. Die männlichen Wissenschaftler sowie der männliche Protagonist und sogar die männlichen Geistlichen können Leeloo mit nur einem Wort beschreiben. »Perfekt«. Und beziehen sich im filmischen Kontext damit ausschließlich auf ihren Körper.

Born Sexy Yesterday

In seinem Video »Born Sexy Yesterday« beschreibt Jonathan McIntosh als Pop Culture Detective einen bestimmten Trope Frau, der ihm immer wieder in Filmen unterkommt. Mit diesem Trope beschreibt McIntosh erwachsene, sexy Frauen mit dem Geist eines naiven, unschuldigen Kindes. Demnach sind diese Frauen sich ihrer eigenen körperlichen Ausstrahlung und Wirkung nicht bewusst, was oft als Entschuldigung genutzt wird, um diese Frau vor ihren männlichen Mitmenschen zu entblößen. Sie ist naiv und versteht die Welt um sich herum nicht, wodurch die meist männlichen Protagonisten mit ihrer Allwissenheit ihr Ansehen gewinnen. Aber darum soll es an sich hier nun nicht gehen, wer sich jedoch weiter über diesen Trope informieren will, dem empfehle ich das gleichnamige Video »Born Sexy Yesterday«. Worauf ich eigentlich eingehen möchte, ist ein anderes Attribut, das McIntosh in seinem Video anspricht.

Although characters who are Born Sexy Yesterday are often highly skilled in something that men will respect. Frequently, that thing is combat.

Jonathan McIntosh (Pop Culture Detective) in: Born Sexy Yesterday (YouTube)

Um das kindlich-naive, sexy Wesen nicht gänzlich schwach dastehen zu lassen, sind sie häufig extrem talentiert in etwas, das Männer respektieren ⎯ häufig sind dies diverse Kampfkünste. Unser Beispiel Leeloo verfügt als übernatürliches Wesen, als fünftes Element, über übernatürliche Stärke, Ausdauer und Agilität. Und bringt sich selbst binnen Sekunden Nahkampf-Künste bei, bei denen sie hauptsächlich ihre Handflächen nutzt. Durch oder für diese Fähigkeit(en) wird sie respektiert. Wechseln wir das Medium, vom Film von 1997 zum Videospiel »Das fünfte Element« von 1998.

Das fünfte Marketing-Element

Während der Film hauptsächlich mit dem männlichen Protagonisten und Star Bruce Willis beworben wird, steht beim Spiel Milla Jovovich a.k.a. Leeloo im Vordergrund. Sie ziert nicht nur das Cover, sondern ist auch auf drei der vier Screenshots auf der Rückseite zu sehen. Birgit Richard kommt in ihrem Buch »Sheroes« (2004 im transcript-Verlag erschienen) zum Schluss, dass Leeloo hier gerade das männliche Publikum ansprechen soll und man auf die Erotik Leeloos setzt. Interessant ist nicht nur der Wandel der aktiven Werbefiguren, sondern auch der Wandel Leeloos. Ist sie im Film noch die Kampfmaschine, wirkt sie im Spiel nahezu schwach. Wohingegen Hauptfigur Korben deutlich stärker als im Film dargestellt wird. Aber das ist nicht der einzige Aspekt, der das gleichnamige Videospiel zu einer höchstens mittelprächtigen Umsetzung macht. „The Fifth Element PlayStation game is a textbook example of the conversion conundrum – and quite possibly the worst game I’ve ever played“ schreibt Lauren Fielder in der Gamespot Review zur Videospiel-Adaption von »The Fifth Element«.

Die stärkste Waffe ist ihr Körper

Zurück zu Videospielen. Zurück zu starken, kampfgeübten Frauen. Zurück zu sexy Frauen. Zugegeben ist Leeloo nun keine klassische Videospiel-Figur. Aber auch hier lassen sich schnell andere Beispiele finden, die nicht unbedingt dem Trope Born Sexy Yesterday gleichkommen, aber zumindest… born sexy sind. An dieser Stelle kann man körperliche Objektifizierung unterstellen. Und, wenn man Äußerungen Jonathan McIntoshs hinzufügt, meinen, dass diese Figuren, um dennoch respektiert zu werden, in körperlicher Kampfkunst geübt sind. Man braucht sich nur in Kampfspielen umsehen. Sheeva und Mileena aus Mortal Kombat. Christie Monteiro und Miharu Hirano aus Tekken. Aber auch in anderen Genres lassen sich Beispiele finden, wie Tifa Lockhart aus Final Fantasy VII oder auch Lara Croft aus Tomb Raider.

Die stärkste Waffe von Spieleheldinnen ist ihr Körper, und zwar im Sinne einer multifunktionalen digitalen Körper-Waffe.

Birgit Richard in »Sheroes: Genderspiele im virtuellen Raum« (2004)

Aber Lara Croft nutzt doch Waffen? Dennoch ist ihr körperlicher Einsatz nicht zu unterschätzen. „Laras stärkste Waffe ist ihr Körper. Und sie setzt ihn buchstäblich als Waffe gegen all diese Gefahren ein, die sie im Laufe des Spiels bedrohen. Deshalb trainieren die Spielerinnen und Spiele zu Anfang des Spieles nicht nur den Umgang mit Feuerwaffen, sondern auch den mit Laras Renn-, Sprung- und Schwimmeigenschaften“ schreibt Randi Gunzenhäuser in »Darf ich mitspielen?« (2000). „Die Waffe wird dem Körper als Attachement hinzugefügt“ sagt Birgit Richard in »Sheroes« (2004).

Stärke = Respekt?

Junge, attraktive, freizügige, selbstbewusste (oder im Falle Leeloos selbstunbewusste?) Frauen, deren Körper nicht nur ihre Waffen sind, sondern auch noch ihre Waffen sind. Von Männern respektiert, um Respekt zu erhalten und nicht nur als Objekt zu gelten? Während man meinen könnte, dass diese (körperliche) Stärke eben den Figuren zu mehr Stärke und Respekt verhelfen würde, sieht Birgit Richard in der übersexualisierten Darstellung des weiblichen Hyperkörpers eine Abschwächung weiblicher Stärke. Er überdeckt die Stärke. Ja, was denn nun?

Eine Frage, die ich an dieser Stelle gerne offen lassen und gemeinsam mit euch in den Kommentaren vielleicht nicht beantworten, einer Antwort jedoch näher kommen möchte. Dient weibliche Stärke als eine Art Schutzfunktion, eine Entschuldigung, damit Frauenfiguren sexy und stark zugleich sein können oder tut Sexyness der weiblichen Stärke ab? Was sind eure Meinungen zum Trope »Born Sexy Yesterday«? Wie steht ihr zu Figuren wie Leeloo oder Mileena? Und was ist mit anderen, stark sexualisierten Figuren, die vielleicht nicht nur ihren Körper als Waffe benutzen, wie Soul Calibur Dominatrix Ivy Valentine? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

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2 Comments

  • Interessanter Artikel. Tatsächlich bin ich bei dem Thema hin und her gerissen, denn natürlich ist finde ich die Frage nicht von der Hand zu weisen, warum eine Frau bei so einem Trope immer wieder sexualisiert werden „muss“. Oder warum der Trope überhaupt normalerweise allgemein als attraktiv vorgesehene Frauen für diese Rolle vorsieht. Gerade in fantastischen Settings wird so oft die „It’s magic, bitch!“-Karte (oder die „It’s science, bitch!“-Karte bei Zukunftsvisionen) gespielt, da könnte man theoretisch genauso gut auch eine Frau einsetzen, die nicht den aktuellen Schönheitsidealen entspricht, z.B. weil sie dick, vernarbt oder einfach nicht mehr 20 ist, und trotzdem eine Erklärung finden. Diese Sexualisierung und dann oft auch Objektifizierung ist schlicht und ergreifend male gaze und unnötig. Und klar kann dabei immer noch trotzdem eine faszinierende Figur rauskommen, aber dann hätte man sich das auch genauso gut sparen können. (Zumal man auch Badass Schönheit ohne unnötige Objektifizierung filmisch abbilden kann, wie z.B. Wonder Woman für mich sehr schön beweist.) Gleichzeitig sind solche Figuren oft eben wirklich unglaublich badass und körperlich stark, was für mich auch ein sehr positives Element dieser Figuren explizit als Frauenfiguren sein kann. Vermutlich ist das – wie finde ich sehr oft – einfach eine Frage, an wen sich ein Element richtet. Dass diese Figuren badass kämpfen können, richtet sich natürlich auch an den Zuschauer, erfüllt aber einen ganz zentralen Zweck innerhalb der Stories. Die Sexualisierung im Sinne einer Objektifizierung erfolgt ja normalerweise weniger für einen onscreen-Effekt z.B. in Bezug auf den Plot (oder nur einen sehr Fadenscheinigen), sondern als eye-candy für den Zuschauer. Theoretisch wäre es denke ich also auch sehr gut möglich, den Trope respektvoll zu verwenden, aber z.B. ein Kind zu sexualisieren (auch wenn es im Körper einer erwachsenen Frau steckt) ist etwas sehr unnötig und im schlimmsten Fall creepy.

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