Fanfiction und Weiblichkeit – mehr als nur Kindergeschichten

Fanfiction, Viele lesen sie und Viele schämen sich dafür. Doch warum eigentlich? Wo liegt das Potential bei Fanfiction, wo die Probleme?

 

Fanfiction als „Guilty Pleasure“ und peinliches Geheimnis

Fan-Fiction/Fanfiction oder kurz Fanfic oder auch nur FF, deutsch manchmal auch Fanfiktion oder Fangeschichte(n), ist die Bezeichnung für Werke, die von Fans eines literarischen oder trivialliterarischen Originalwerkes (zum Beispiel eines Films, einer Fernsehserie, von Büchern, Computerspielen usw.) oder auch real existierender Menschen (z. B. von bekannten Schauspielern, Musikern oder Sportlern) erstellt werden, welche die Protagonisten und/oder die Welt dieses Werkes bzw. die jeweiligen Personen in einer neuen, fortgeführten oder alternativen Handlung darstellen.“
Quelle: Wikipedia

Fanfiction ist weiblich. Nicht ausschließlich, aber hauptsächlich, handelt es hier um kreative Arbeit junger Frauen. Da Fangeschichten bereits vorhandene Figuren und Schauplätze nehmen, sind sie auf Grund urheberechtlicher Bestimmungen nicht kommerziell verlegbar und werden von Autoren und Autorinnen hauptsächlich als Hobby betrieben.
Das mag ein Gesichtspunkt sein, warum Fanfiction als so verrufen gilt. Es ist keine „vollwertige“ Literatur und Ideen sind nur zum Teil die eigenen.

Ein viel größer Punkt ist aber der: Fanfiction ist weiblich; nicht nur Autorinnen, sondern auch ein Großteil der Leserschaft. Laut FFN Research waren 78% der im Jahre 2010 angemeldeten User einer FF-Database weiblich. Wobei darauf hingewiesen wurde, dass nur eine sehr geringe Anzahl der Nutzer überhaupt ihr Geschlecht angaben.
Es handelt sich also zum Großteil um weibliche Arbeit, die so in Verruf geraten ist. Ganz gleich ob die Werke hohen literarischen Anspruch besitzen oder nicht, gilt die Fanfiction-Kultur als „kleine Mädchen Fantasie“, in der zwei fiktive Figuren endlich zueinander finden.

Was ist so schlimm an weiblicher Fantasie?
Selbst der Vergleich so genannter Smut-Fanfiction (also Geschichten mit explizit sexuellem Inhalt) mit Pornographie ist kein valider. Oder zumindest keiner, welcher der Fanfiction ihre Geltung abspricht.
Während männliche Stimulation und Fantasie sehr stark über visuelle Aspekte laufen, ist weibliche Sexualität oftmals komplexer. Hier wird die eigene Vorstellungskraft stimuliert, oft kombiniert mit einer emotionalen Komponente, in der man bereits eine emotionale Bindung zu dem Originalwerk und ihren Figuren, wie beispielsweise Harry Potter, eingegangen ist.
Das macht es auf einer Seite anonymer, da wir keine Pornodarsteller mit Gesicht und Stimme sehen, aber auf der anderen Seite auch wesentlich persönlicher, da es sich um Figuren handelt, die wir bereits aus Literatur oder Film kennen und lieben gelernt haben.

Auch weibliche Nutzer konsumieren Pornographie, durchaus auch visuell, aber erotische Literatur ist ein weiterer Aspekt der weiblichen Sexualität, der nicht mehr oder weniger lustig oder „peinlich“ ist, als ihr männlicher Konterpart.
Fanfiction klein zu halten und sich darüber lustig zu machen, was Frauen lesen, erschaffen, was sie berührt und stimuliert ist, anders kann ich es nicht zusammen fassen, sexistisch.

 

Warum keine eigenen Geschichten?

Fanfiction gibt es schon lange. Laut Abigail Derecho gibt es zwei Möglichkeiten, wie Fangeschichten entstanden sind:
Zu einem gibt es die These, dass Fanfiction so alt ist, wie Literatur selbst und sich parallel zu Mythologien entwickelte. Als Beispiel werden hier endlose Fortsetzungen der Artus-Sage genannt.
Konkreter sind Werke die ihren Beginn in den 20er Jahren finden und inhaltlich Literatur Jane Austens und Arthur Conan Doyles behandeln.
Die Sherlock Holmes „Fanbewegung“ gilt bis heute als die Größte und die „Mutter“ des Fandoms. Lese- und Schreibezirkel wurden gegründet, um die Geschichten von Sherlock Holmes fortzusetzen. Das Slash-Pairing (also ein gleichgeschlechtliches Paar in der Fiktion) Sherlock und Watson gilt als Vorläufer vieler weiterer Slash-Geschichten, wie beispielsweise die von Kirk und Spock aus Star Trek in den 1960er Jahren.

Der Antrieb hinter diesen Geschichten ist oft der, dass das Ende eines Werkes nicht zufriedenstellend für den Konsumenten war. So endet Sherlock Holmes mit dem berühmten Reichenbachfall, bei dem der Detektiv vermutlich ums Leben kommt.
Es sind aber nicht nur Enden eines Buches, manchmal reicht es aus, wie bestimmte Beziehungsdynamiken zweier Figuren gehandhabt werden. Manchmal geht eine scheinbar perfekte Beziehung beinahe grundlos zu Bruch, so dass das Bedürfnis besteht einzugreifen und das Ende umzuschreiben. Ihnen einen Happy End zu gönnen. Oder ein Ende, das greifbarer ist, sich innerhalb der Geschichte richtiger anfühlt.
An anderen Stellen, wird eine extreme Spannung zwischen zwei handelnden Figuren nie aufgelöst. Es gibt immer wieder extreme Chemie, sei es bei Erzfeinden oder besten Freunden, knisternde Momente, Berührungen, allerlei Hinweise darauf, dass sich etwas entwickeln wird: Und dann tut es das nicht.

Die extremste Form dessen nennt sich Fan-Baiting und in Bezug auf gleichgeschlechtliche Konstellationen Queer-Baiting und wird nicht zu Unrecht immer wieder scharf kritisiert. Noch einmal kurz: Fanbaiting bedeutet, grob gefasst, Versprechen zu machen, wie etwa gewisse Handlungsstränge anzudeuten oder in Trailern beispielsweise eine Kussszene zu teasern, was im Medium so aber nie zu Stande kommt, sondern nur benutzt wird, um Fans zu instrumentalisieren. In diesen Fällen sind sich Autoren, Schreiber, Produzenten eines Produkts durchaus bewusst, was Andeutungen und Chemie zwischen ihren Figuren suggerieren, bringen es immer wieder bewusst ein, um Fans zu ködern – denen wird jedoch nie gegeben, was augenscheinlich versprochen wird. Während das im Fall des Queerbaitings fatale Folgen für Repräsentation der LGBT-Community hat, lässt es doch in allen Fällen Frust und Wut zurück.

Hat hier jemand Queerbaiting gesagt? – Dean und Castiel, „Destiel“, Supernatural

Frust, der in kreative Energie umgewandelt wird und teilweise Geschichten, alternative Enden und Storylines erschafft, die um Längen besser sind als das Originalwerk.
Was als kleine Mädchen Fantasie verschrien ist, ist doch in sehr vielen Fällen umfassende kreative und analytische Arbeit. Vorhandene Figuren werden analysiert, um sie originalgetreu wiederzugeben, teilweise werden weitere Lagen von Tiefe und Konflikt hinzugefügt, die im Original nicht existieren und doch sehr schlüssig erscheinen.
Das entscheidet sich natürlich von Autor zu Autor und hängt auch stark von der Vorlage ab.

 

Die Gefahren des Eskapismus

(Dieser Absatz enthält einen Spoiler zu Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Macht.)

Während Fanfiction meist aus kreativer Energie heraus entsteht, ist es doch auch wichtig, eine Grenze zu ziehen. Der Eskapismus, der mit Fiktion einhergeht, kann sich auf verschiedene Weise äußern.
Oft verschwimmen die Grenzen zwischen Canon (Dinge, die im Originalwerk so geschehen, Charakterzüge und Hintergrundgeschichten, die offiziell und bestätigt sind) und Fanon (die Ideen und der Input des Fandoms) so sehr, dass es zu extremer Enttäuschung kommt. Gerade in Werken, die immer noch fortgesetzt werden, werden eigene Erwartungen oft hart enttäuscht.
Nimmt man die aktuellen Star Wars Filme als Beispiel, so lagen zwischen Episode VII: The Force Awakens und Episode VIII: The Last Jedi zwei ganze Jahre. Das sind zwei Jahre, in denen in Fandoms Theorien aufgestellt werden, jeder genug Zeit hat sich seine ideale Fortsetzung der Geschichte vorzustellen, Essays und Analysen zu Figuren aufzustellen und auch Fanfiction mit plausiblen Fortsetzungen zu schreiben.
Kommt es im offiziellen Film dann anders als gedacht, sind herbe Enttäuschung, teilweise Wut und sogar Boykott das Ergebnis. Fans verlieren sich so sehr in ihren eigenen Ideen, ob gut oder schlecht, dass es als persönlicher Angriff gewertet wird, eine Geschichte anders fortzusetzen. Überbeschäftigung mit den Figuren und Thematiken sorgt für absolute Intoleranz gegenüber anderer kreativer Visionen; wie der eines Drehbuchautors.

Auch ich selbst kann mich aus dieser Gleichung nicht herausnehmen. Auch ich habe Vorstellungen und Erwartungen an Figuren in Film und Buch, wenn ich ihre Geschichte über einen längeren Zeitraum verfolge. Wichtig ist nur, sich zurücknehmen zu können und offen zu bleiben gegenüber dem, was wirklich kommt. Zu verstehen, diese Figuren gehören nicht mir und wurden auch nicht für mich geschrieben. Was ich sehe, ist vielleicht nicht da. Diese verschiedenen Sichten auf Stories sind sicher ein Teil, der sie so interessant macht. Analysen und Interpretation auf persönlicher Ebene sollte jede gute Figur in uns inspirieren und ist sicher auch in Absicht des Autors.
Nur wenn ich möchte, dass Han Solo weiterlebt und ein glückliches Ende findet… dann muss ich wohl eine Fanfiction finden und das gegebene Canon respektieren.
Etwas was sehr vielen offenbar sehr schwer fällt.

Rey und Kylo Ren, „Reylo“, ein Paar, an dem sich die Geister scheiden

Während es im Shipping-Bereich (ship von relationship, also das romantische Zusammenspiel zweier (oder mehrere) Figuren) hetero- und homosexuell ausgerichtete Fangeschichten gibt, welche vorhandene Figuren behandelt, gibt es durchaus auch nicht wenige Geschichten, in dem sich der Autor selbst in die Geschichte hineinschreibt oder die Leserin zu einem der Protagonisten macht. Diese self-inserts oder x Reader Fanfictions sind besonders oft mit Realpersonen zu finden, zum Beispiel trifft der Leser seinen oder ihren Lieblingsstar.
Während sich die Einen lieber ausschließlich mit gegebenen Figuren beschäftigen und sich komplett aus der Geschichte rausnehmen und nur stiller Betrachter sind, so finden Andere Freude daran ihren Tagträumen Ausdruck zu verleihen. Per se ist daran nichts auszusetzen, solange die Konsumentin sich nicht in ihren Träumen verliert.
Ob Originalliteratur oder Fanfiction, sich in fiktive Welten fallen zu lassen ist wunderbar, sich in ihnen zu verlieren jedoch gefährlich.

Im Internet zu Mobbing und Drohungen zu greifen, weil eine Person zwei andere fiktive Personen zusammen mag als du, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man etwas Abstand zu der Sache gewinnen sollte.
Shipping ist ein großer Punkt in Fandoms. Egal wo man sucht, immer geht es darum wer mit wem und wer mit wem bloß nicht. Und egal wie die Geschichte endet, irgendwer wird immer enttäuscht sein.

Es gibt natürlich auch Fanfictions, die sich nicht um Shipping drehen. Allerdings machen diese einen eher kleinen Teil der großen Archive aus.

 

Slashfiction, homophob?

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, dem ich eigentlich einen eigenen Artikel widmen könnte. Oder ein ganzes Buch.
Slashshipping.

Warum schreiben Frauen über zwei Männer? Banal runtergebrochen: Aus dem selben Grund, aus dem Männer sich Lesbenpornos angucken.
Es ist kein „Störfaktor“ dabei, zwei Männer sind attraktiver als einer und im Falle von Smut möchte man als heterosexuelle Frau auf detaillierte Beschreibungen der weiblichen Anatomie eher verzichten.
Aber der Grund kann auch viel unschuldiger sein: Wir lieben Menschen, die sich lieben. Wir lieben Menschen, die auf dem Bildschirm oder den Buchseiten eine unfassbare Anziehung aufeinander ausüben. Wenn Funken fliegen und man zwei Figuren einfach nur zusammen in einen Raum sperren möchte, um zu schreien: „NOW KISS!“

Ist das der Fall, ist schlichtweg egal ob es sich um zwei Frauen, zwei Männer oder Mann und Frau handelt. Nur dass homosexuelle Paare deutlich unterbesetzt sind und solche Chemie in viel viel weniger Fällen tatsächlich aufgelöst wird. Sei es aus Bequemlichkeit oder Feigheit. (Man kann es natürlich auch wie J. K. Rowling machen und Jaaahre später erzählen eine Figur sei schwul! Oder man schreibt es einfach auf. Das wäre dann richtige Repräsentation.)

Leider ist es bei Slashshipping doch oft so, dass zwei Männer oder zwei Frauen in ein sehr heteronormatives Beziehungsbild gedrückt werden. Einer ist „der Mann“, der Andere „die Frau“. Obwohl der Witz bei homosexuellen Paaren gerade ist, dass mit solchen Normen gebrochen wird.
Bei Geschichten über zwei Männer in einer Beziehung, ist es doch oft so, dass junge weibliche Autorinnen einen der beiden Parts extrem verweiblichen und ihn somit zu der Figur machen, mit dem sich der weibliche Leser identifizieren kann. Zur Akzeptanz von Homosexualität trägt das jedoch sehr wenig bei und in den meisten Fällen verliert mindestens eine der beiden Figuren komplett ihre ursprünglichen Charakterzüge und wird vom eiskalten Antagonisten zum schüchternen, unerfahrenen Schulmädchen.
In nicht wenigen Fällen, geht es sogar so weit, dass weibliche Figuren bewusst ausgeschlossen, von der Autorin gemobbt, karikiert oder sogar umgebracht werden, um die „Bedrohung“ weiblicher Sexualität auszuschalten und eben diese Attribute auf den passiven männlichen Part zu übertragen.
Slash-Fiction, wenn auch von Frauen selbst geschrieben, ist meist nicht nett zu weiblichen Figuren, was wohl auf Eifersucht und Unsicherheiten zurückzuführen ist, was das Verhalten allerdings keineswegs entschuldigt.
Es sind natürlich nicht nur Fangeschichten, die Homosexualität so darstellen, das findet sich so leider auch noch häufig genug in TV-Serien, Filmen und Büchern. Besonders dann, wenn sie von heterosexuellen Personen geschrieben werden oder FÜR ein heterosexuelles Publikum. Dabei gilt es dann, dass der „passive“ Part unter Männern quasi von einer Frau nicht zu unterscheiden ist, während der „aktive“ Part in einer Frauenbeziehung meist geschrieben ist wie ein tougher Kerl. Dass Homosexualität außerhalb dieser sehr sexistischen Normen existiert, ist aber eben doch der springende Punkt.

Deswegen finde ich besonders löblich, wenn Medien endlich mit diesem Klischee brechen. Mein absolutes Paradebeispiel dafür, wäre die US-Version der Serie Shameless. Im Fall der Beziehung zwischen Ian Gallagher und Mickey Milkovich (in Fankreisen genannt Gallavich) ist keiner eine „Frau“, keiner schwach, weniger kriminell oder überspitzt-sexistisch feminin. Homosexualität wird schnörkellos und ohne Schubladen dargestellt und das macht sie zu meinem absoluten Lieblings“ship“ in der TV-Geschichte. (Bis die Schreiber es versaut haben. Aber! Genau dafür gibt es dann ja Fanfiction.)

Ian und Mickey, Shameless    Photo: Chuck Hodes

Während man also glauben könnte, dass Slash-Fiction zur Akzeptanz und Repräsentation homosexueller Menschen beiträgt, ist leider oft das Gegenteil der Fall, in dem Figuren in verletzende Schubladen gesteckt werden und zu Karikaturen ihrer selbst werden. Das geschieht wahrscheinlich nicht mit böser Absicht, muss aber dennoch kritisiert werden.

 

Abschließend ist zu sagen, dass Fanfiction trotz aller Fehler und Schwächen, ein Medium ist, das mehr Respekt verdient. Im Endeffekt geht es um einen Schaffensprozess, der weit über den einfachen Konsum eines Mediums hinausgeht, es analysiert, kritisiert, weiterführt und damit einen wichtigen Teil der Fandomkultur darstellt.
Solange Schaffer der Originale, Darsteller von Figuren und andere Involvierte nicht belästigt, bedrängt oder beleidigt werden, hat das Schreiben dieser Geschichten mehr als nur ein mildes Lächeln verdient.

Denn es geht hier um weit mehr als, nur ein paar Wörter. Es geht um die Anerkennung weibliches Schaffens, weiblicher Gedankenwelten und Sexualität.

 

 

 

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