Unser Eindruck zu Cows – Folge nicht der Herde

Das Cover von Dawn O'Porters Roman „Cows”

In Kooperation mit dem Fischer-Verlag haben wir im Januar das Buch COWS vorgestellt. Da es sich dabei um eine neutrale Vorstellung handelt, wollten wir euch nicht vorenthalten auch noch ein paar kritische Gedanken zu dem Buch zu äußern, welches als feministisches Werk verkauft wird.
Mehr Informationen zu der Autorin und dem Inhalt findet ihr hier.

»Tara ist 42, alleinerziehende Mutter und Produzentin, hat eigentlich genug damit zu tun, sich gegen die drei übergroßen Egos ihrer Kollegen zu behaupten, als ein kurzer Moment der Schwäche ihr ganzes Leben durcheinanderwirbelt. Doch unerwartet bekommt sie Unterstützung von Cam, 36, erfolgreiche Lifestyle-Bloggerin, Single mit Mittzwanziger-Liebhaber, kinderlos glücklich. Mit ihren explizit feministischen Artikeln erntet sie Bewunderung und Hass. Letzteres vor allem von Stella, 23, sehnlicher Kinderwunsch, unglücklich liiert, muss tief in die Trickschublade greifen, um an einen Erzeuger zu kommen.«

So lautet der detaillierte Klappentext von Dawn O’Porters Roman „Cows – Folge nicht der Herde” aus. Die gemeinsamen Nenner finden sich schnell, nämlich Beziehungsstatus und Familienkonstellation. Besonders der (Nicht-)Kinderwunsch von Cam und Stella wird dabei wirklich relevant, während Tara mit ganz anderen Problemen und dem Wohl ihres Kindes zu kämpfen hat. Darauf werden die Frauen im Roman zwar nicht beschränkt, aber irgendwie dann doch in Schubladen gesteckt, sobald der Fokus mehr auf die Kinderlosigkeit, bzw. den Kinderwunsch zuläuft.

Feminismus, yay?

Nach der vielversprechenden Biographie der Autorin selbst und der Vorstellung von Protagonistin Cam, erfolgreiche Bloggerin mit explizit feministischen Artikeln, mag sich leicht eine zu hohe Erwartung an den Roman einstellen. Wir geben zu, dass wir zuerst an eine Freundschafts-Konstellation à la GIRLS oder Sex and the City mit all ihren Konflikten, aber auch Unterstützung und Girl Power, dachten und es war erfrischend, dass dem nicht der Fall war und etwas Neues geboten wird. Der Klappentext spricht bereits an, dass Cam zum Feindbild für Stella wird und auch in Tara findet sie schnell eine Konkurrentin. Doch leider gelingt Dawn O’Porter keine feministische Geschichte, ohne dabei zurück in Klischees zu verfallen.

Wenn O’Porter von der Herde spricht und damit die allgemeine Gesellschaft meint, mit der sich die Protagonistinnen im Verlauf ihrer Stories rumschlagen müssen, kann es durchaus beabsichtigt sein, dass sie so plump mit Klischees umgeht, bei einem so vielversprechendem Buch wäre es jedoch schön gewesen, hätte sie auf beleidigende Klischees bezüglich sexueller Vorlieben verzichtet.
Cams Dasein als Single und ihrem ausdrücklichen Wunsch, keine Kinder zu bekommen, wird ständig damit gleichgesetzt, dass sie doch dann lesbisch sein muss. Wer sich nicht bindet und keine Kinder haben möchte, der kann nur lesbisch sein – so Cams Familie und Freunde. Natürlich mag dieses Denken in einigen Köpfen präsent sein und sicherlich soll auch nur genau das dargestellt werden, dass solches Denken (leider) noch existiert, dennoch wäre es schön gewesen, hätte sich die Autorin aktiver und stärker gegen solche Klischees in ihrem Roman ausgesprochen. Neben Cam kommt noch einer von Taras Kollegen hinzu, der sich extrem machohaft und chauvinistisch verhalten muss, um sich neben seinen anderen männlichen Kollegen zu behaupten, damit niemand dahinter kommt, dass er eigentlich schwul ist. Zumindest vermutet Tara das, denn sie hat ihn einmal dabei erwischt, wie er einen Porno mit Männern schaute, woraus sie direkt auf seine Sexualität schließt, ohne je das Gespräch zu suchen. Nicht, dass sie das überhaupt etwas angeht. Da sich das Buch so modern und tolerant präsentiert, wäre es schön gewesen etwas mehr Reflexion in den Gedanken der Figuren zu finden. Durch die ausschließlich negativen Beispiele der LGBT-Figuren bleibt ein fahler Beigeschmack von Vorurteilen und Queer-Feindlichkeit beim Lesen zurück. Es wäre wirklich schön gewesen, hätte sich die Autorin mit Hilfe ihrer Figuren deutlicher positioniert und Abstand von verletzenden Vorurteilen genommen.

Natürlich bedeutet Homosexualität nicht, dass man kein Arschloch sein kann. Leider jedoch wird Homosexualität im Buch ausschließlich negativ konnotiert dargestellt. Und gerade die feministische Bloggerin Cam, die ja als sehr tolerant und fortschrittlich charakterisiert wird, hält es für nötig einen ausgiebigen Blogeintrag über ihren männlichen Liebhaber zu schreiben, um ihrer Familie und Leserschaft zu beweisen, dass sie auf keinen Fall lesbisch ist. Etwas, was sie ganz weit von sich weisen muss. Dabei wäre gerade diese Figur eine wunderbare Möglichkeit gewesen, für Toleranz und Gleichberechtigung zu schreiben.
Sehr schade.

COWS und die Sache mit der Doppelmoral

Auch in anderen Fällen, ist die Doppelmoral leider sehr stark. Während sich Camilla auf einer Seite als stolze Feministin bezeichnet, die gesellschaftliche Erwartungen an die Frau ablehnt, so beinhaltet ihre Selbstbeschreibung doch leider zuallererst ihre eigene Kleidergröße. Auch andere Frauen werden von ihr nach ihrem Aussehen und ihrem Gewicht beurteilt. „Tussi-Kram“ wie Spa-Tage, Make-Up und Maniküre lehnt sie streng ab, leider nicht ohne eine gewisse Note von Überheblichkeit. Dabei sollte Feminismus doch die Freiheit ermöglichen, wählen zu können und im rosa Kleid genauso respektiert zu werden, wie in Bikerstiefeln. Cams Feminismus scheint ziemlich exklusiv ihren eigenen Lebensstil zu meinen, auf andere Frauen und auch die „breite Masse an Frauen“, die sie als „Herde“ bezeichnet, schaut sie eher herab. Zusätzlich wurde noch etwas in der Feminismus-Klischeekiste gewühlt und die Bloggerin wurde zusätzlich mit sozialer Inkompetenz, einer strikten Ablehnung von BHs und der Unfähigkeit eine ausgeglichene Beziehung mit einem Mann zu führen, ausgestattet. Nicht, dass es solche Frauen nicht gäbe. Nicht, dass eine Figur keine (immensen) Schwachpunkte haben darf – leider wirkt sie dadurch für uns aber nicht mehr wie ein tolles, weibliches Vorbild, sondern eher wie die Karikatur einer Feministin. Ist diese Darstellung so beabsichtigt, dann ist sie gelungen. Für das Image des Feminismus ist es aber leider nicht sehr förderlich.

Wir haben uns im Vorfeld besonders auf Cams Rolle in dem Roman gefreut – schließlich bloggen wir selbst für Frauen und Gleichberechtigung. Die fiktiven literarischen Ergüsse von Camilla lesen sich aber leider, trotz guter Gedanken, konstant wie trotzige Rechtfertigungen gegenüber ihrer Familie und der Gesellschaft. Positiv kann man hier aber bewerten, dass das Problem von der Autorin aufgegriffen wird, als sich die junge Frau schließlich mit ihren Eltern und deren Erwartungen auseinandersetzen muss – und dabei auch sehr viel Einsicht zeigt.

Auch positiv zu vermerken ist dabei Stellas Rolle. Während die Roman-Figur definitiv keine Sympathie-Trägerin ist, so ist sie eine gelungene und sehr realistische Gegenstimme für Cam, die zum Denken und Reflektieren anregt. Stella befindet sich in ihrem Leben derzeit in einer stetigen Abwärtsspirale, die unverblümt und authentisch dargestellt wird. Wie bereits Serien wie GIRLS vorgemacht haben, so muss eine Frau, die leidet, zornig ist und irrational und verletzend agiert dabei nicht durch eine rosarote Brille betrachtet werden. Sie muss dabei nicht niedlich oder schön sein und gefallen. So ist die Darstellung von Stellas biestigem, missgünstigem Verhalten fast schon „mehr feministisch“ als die der eigentlichen Feministen-Bloggerin.

 

Familie kann man sich nicht aussuchen, seine Freunde schon

Wie bereits angesprochen, erwartet einen mit „COWS” keine enge Mädchenfreundschaft durch Dick und Dünn. Dennoch lernen wir die Freundes- und Familienkreise der Protagonistinnen kennen. Und es war wirklich zermürbend lesen zu müssen, wie wenig Unterstützung die drei Frauen besonders von anderen Frauen aus ihren Reihen bekommen. Wie egoistisch und kalt sich Freundinnen und Schwestern sich gegenüber verhalten können, wie ignorant ein Mutter-Tochter-Verhältnis sein kann. Dieser Punkt ist weniger Kritik am Buch; dies ist leider nur allzu menschlich und realistisch. Frustrierend zu lesen ist es trotzdem, da Figuren so auch immer wieder in alte Muster verfallen, sich von toxischen Freundschaften nicht lösen können und Probleme zwar korrekt analysieren, allerdings nichts verändern.
Einzig und allein die Freundschaft zwischen Tara und Cam ist eine ehrliche Frauenfreundschaft, die auf Unterstützung, Respekt und Solidarität fußt.
In einem Roman, in dem es beinahe ausschließlich um Frauen geht, ist das im Endeffekt eine sehr schwache Quote. Wir sind uns nicht sicher, ob das von der Autorin beabsichtigt ist und sogenannte Stutenbissigkeit und ewiges Konkurrenzdenken kritisieren soll, oder ob das einfach nur ein trauriger Spiegel des Bildes ist, welches die meisten, Dawn O’Porter entsprechend eingeschlossen, von Frauenfreundschaften haben.
Weibliche Solidarität ist ein großes Thema des Feminismus und findet sich in Cows leider nur in einer einzigen Beziehung so richtig wieder, die zudem noch sehr kurzweilig ist. Wir sehen da jede Menge verschenktes Potential und sei es nur eine leicht abweichende Charakterisierung von abwesenden Nebencharakteren, um ein besseres Frauenbild zu vermitteln.

Cows Buchrücken

Fazit

COWS ist ein Buch mit drei sehr konträren Figuren, jede auf ihre Weise interessant, jede auf ihre Weise fehlerhaft. Selbst wenn man eine Abneigung gegen die Frauen oder ihre Taten entwickelt, so schafft es das Werk doch, den Leser weiter zu fesseln. Trotz allem möchte man wissen, wie es weitergeht, wie die Frauen sich entwickeln. In punkto Charakter-Entwicklung wird man nicht enttäuscht.
Die Story hat einige Plotholes und gerade die Darstellung von Gesellschaft und Medien wirkt sehr überspitzt. Das sehen wir allerdings weniger als Kritikpunkt. Es handelt sich um Fiktion ohne großen Realismus-Anspruch, Übertreibungen zu Gunsten der Story sind vertretbar, solange man als Leser keine dokumentarische Aufarbeitung von medialem Verhalten erwartet.
Alles in allem ist das Buch mal humorvoll, mal ernst geschrieben. Probleme werden nicht beschönigt und die agierenden Frauen sind keine glatten Heldinnen, die gefallen müssen, was sie wiederum so interessant macht. Solange COWS nicht den Anspruch erhebt wertvoll für den Feminismus zu sein, lässt es sich gut lesen.

Ist es ein gutes Buch, welches unterhält und den Leser emotional anspricht und bei Laune hält? Absolut.
Ist es ein gutes feministisches Buch? Leider nein.

 

– Larissa & Sophia

 

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