Ist Hellblades Senua eine Heldin?

Hellblades Progonistin Senua.

Gegen Ende eines Jahres lässt man oft vielerlei Revue passieren. Unter den Videospielern blickt man auf das (persönliche) Gaming-Jahr zurück, kürt sein Spiel des Jahres, geht eventuell noch weiter ins Detail. Singleplayer des Jahres, Shooter des Jahres. Videospiel-Held*in des Jahres. Im Jahr 2017 veröffentlichten Ninja Theory ihren Indie-Erfolgstitel »Hellblade«. Warum Indie? Haben Ninja Theory nicht auch die AAA-Spiele »Enslaved« und das »Devil May Cry«-Reboot entwickelt? Indie deshalb, weil sie sich diesmal einem experimentellerem Thema in der Gaming-Industrie widmen und unabhängig von großen Publishern arbeiten wollten. So wurde »Hellblade« das erste Spiel des Hauses, welches nicht nur selbst entwickelt, sondern auch selbst veröffentlicht wurde. Was ist so außergewöhnlich an »Hellblade«, dass sich Ninja Theory ihre Unabhängigkeit bei diesem Projekt bewahren wollten?

Basierend auf keltischer und nordischer Mythologie erzählt das Spiel die Geschichte der jungen keltischen Kriegerin Senua. Bemerkenswert ist dabei, dass vor allem ihre Psychosen im Mittelpunkt stehen und sich spielerisch bemerkbar machen. Sowohl für seine grafische und spielerische Qualität, als auch dafür, dass sich das Spiel profund und sensibel mit psychischen Störungen auseinandersetzt, erhielt das Spiel viel Kritikerlob.

Auszug aus dem deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu »Hellblade«

Das Spiel portraitiert detailliert und respektvoll die Psychosen seiner Protagonistin Senua, wie es bisher kein anderes Spiel gewagt hat. Möglichst realistisch mit den kreativen Möglichkeiten eines Videospiels wollten die Entwickler hinter »Hellblade« die Spieler auf eine gemeinsame Reise mit Senua schicken. Eine Reise, auf der sie sich ihren Ängsten und Psychosen stellen, sie überwinden muss, um an ihr Ziel zu gelangen. Und bietet somit einen wunderbar nachvollziehbaren und sensiblen Einblick in ein Leben voller Ängste. Das Spiel wurde zum Überraschungserfolg für Ninja Theory. Die Massen sind begeistert von dem intensiven Erlebnis, den neu ausgereizten Möglichkeiten des Spiels und der packenden Story. Kein Wunder, dass »Hellblade« zum Jahresabschluss auf einigen Toplisten gelandet ist. Und so wurde auch Senua im Gespräch – am häufigsten unter Freundinnen – als eine der herausstechendsten Heldinnen des Jahres und überhaupt genannt. Eine Äußerung, die mich zum Nachdenken gebracht hat.

Hellblade Senua

Wer ist Senua?

Zum einen war ich mir unsicher, wie viel mir »Hellblade« von der wirklichen Senua gezeigt hat. Wie viel von dem Gesehenem, Erfahrenem war Senua, wie viel davon war ihre Krankheit? Kann ich aufgrund der dargestellten Psychosen auf die Figur, den Charakter von Senua schließen? Zum anderen wusste ich nicht, ob ich psychische Krankheiten mit klassischem Heldentum gleichsetzen kann. Auf die ersten Fragen habe ich immer noch keine Antwort. Ich glaube, die muss jeder für sich selbst beantworten, der sich mit »Hellblade« und Senua auseinander gesetzt hat. Sicherlich lernt man die Persönlichkeit hinter den Psychosen kennen, spürt sie, vor allem im späteren Verlauf des Spiels. Aber dies ist auch nicht die Frage, der ich mich hier widmen möchte, wobei mich eure Antworten und Ansichten dazu ebenfalls sehr interessieren und wir dieser Fragestellung eventuell gemeinsam in den Kommentaren näher nachgehen können. Jetzt möchte ich mich jedoch vielmehr mit der Frage auseinandersetzen, ob Senua wirklich eine Heldin ist?

Zuerst dachte ich, dass an dieser Stelle einfach Protagonist mit Held gleichgesetzt wurde. Was sich nicht unbedingt decken muss, schließlich gibt es auch genügend Anti-Helden in der Protagonistenrolle. Aber viele verstehen im Kontext Videospiele unter Protagonist*in gleichzeitig auch Held*in. Genauso oft wird eine Figur »Charakter« genannt, auch wenn dieses Wort im Deutschen vielmehr die Persönlichkeit als die Person als Ganzes beschreibt. Dieser Anglizismus hat sich mittlerweile eingedeutscht und ist geläufig geworden, dennoch muss man manchmal aufpassen, ob man denn nun den Charakter oder eben den Charakter meint. Wenn wir nun also von herausragenden Protagonist*innen sprechen, würde ich Senua definitiv mit nennen. Aber ob sie eine Heldin ist? Was ist überhaupt ein Held oder eine Heldin?

Was macht eine Heldin aus?

Ich assoziiere mit einem Helden grundsätzlich erstmal Stärke. Physisch wie mental. Nichts kann sich dem Held in den Weg stellen, er ist furchtlos und eine Person, zu der man aufgucken kann, ein Vorbild. Aber das sind nur meine Gedanken. Wie wird ein klassischer Held denn genau definiert? Zusammenfassend definiert sich ein Held laut Wikipedia, Duden und Wörterbuch dadurch, dass er durch eine heroische Tat zum Helden wird. Dies kann entweder das Bezwingen eines gefürchteten Gegners bedeuten, aber auch die Rettung Unschuldiger aus der Gefahr. Was nun jedoch genau als heroisch gilt, differenziert sich von Kultur zu Kultur. Aber vollführt Senua eine heroische Tat, die sie zur Heldin küren würde? Rettet sie jemanden aus der Gefahr? Schlägt sie einen allseits gefürchteten Gegner? In gewisser Weise schon. Aber existieren diese Gegner überhaupt wirklich? Wie viel davon ist real, dass es als heroische Tat von irgendwem anerkannt werden kann, wie viel davon passiert in Senuas Kopf? An dieser Stelle tritt der Spieler ein, der sich ein Urteil erlaubt.

Hellblade Senua

»Ein Held entspricht normalerweise der Definition dessen, was in der jeweiligen Kultur als vortrefflich gilt.« schreibt Wikipedia. Nun habe ich keinerlei Ahnung von nordisch-keltischen Mythen und Heldengeschichten. Ein klassischer Held germanischer Kultur wäre Siegfried aus dem Nibelungenlied. Für die Griechen wäre es Odysseus nach seiner Odyssee. Aber wie lange liegen diese Geschichten zurück? Was definiert, kürt eine Person heutzutage zum Helden? Ans andere Ende der Welt zu reisen ist keine nennenswerte Leistung mehr. Es gibt keine Monster zu bezwingen. Außer den Monstern in unseren Köpfen.

Monster sind überall. Helden auch.

Zum Glück leben wir in einer Gegenwart, in der psychische Probleme immer öfter angesprochen werden und kein Tabu mehr sind. Wir werden offener und sensibler für das Thema, das uns und unsere Mitmenschen über Jahre hinweg still und leise begleitet hat. Es ist kein Kampf mehr, den jeder mit sich selbst ausmachen muss. Wie prominent das Thema mittlerweile in unser aller Köpfen ist, zeigt doch gerade die Entwicklung und Veröffentlichung von »Hellblade«, einer Herangehensweise, die sich bisher niemand so getraut hat. Vor allem nicht als Unterhaltungsmedium Videospiel.

Ein Held entspricht dessen, was als vortrefflich gilt. In einer Welt, in der es uns nahezu überall nahelegt wird, möglichst perfekt zu sein, beinhalten unsere Ängste, nicht genug zu sein. Unsere Ängste sind so individuell wie wir, entstanden durch uns selbst, äußere Einflüsse oder eben auch psychische Krankheiten. Was könnte in unserer heutigen Zeit vortrefflicher sein, als sich selbst zu akzeptieren, sich seinen Ängsten entgegenzustellen, sie zu überwinden und mit sich selbst ins Reine zu kommen? Es ist okay, sich auf diesem Weg Hilfe zu holen, nicht jeder schafft diesen Weg allein. Schafft Senua ihn allein? Sie hat den Spieler an ihrer Seite, wendet sich zwischendurch der Kamera zu, als würde sie direkt mit einem sprechen. Spricht sie mit uns? Spricht sie nur mit einer weiteren Stimme in ihrem Kopf? Auch das muss jeder für sich selbst interpretieren. Fakt ist jedoch, dass sich Senua von Beginn an ihren Ängsten stellt, den Stimmen in ihrem Kopf nicht nachgibt, ihren Weg geht, um an ihr Ziel zu gelangen. Sie ist mutig. Sie überwindet ihre Ängste. Und ja, sie ist eine Heldin.

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2 Comments

  • Ein sehr toller Beitrag, der zum Nachdenken anregt.
    Für mich ist Senua ebenfalls eine Heldin. Genau aus dem Grund, wie du ihn schon beschrieben hast – sie stellt sich ihren Ängsten und gibt nicht auf, selbst wenn es schwer ist. Bewundernswert!

    • Ich wüsste ehrlich gesagt zu gern, wie es nach den Ereignissen von Hellblade mit Senua weitergeht. Wird sie weiterhin alleine leben? Zu einem der Clans zurückgehen (wenn sie das überhaupt darf)?
      Aber gerade das Ende vom Spiel (mild spoiler) finde ich sehr wholesome, auch wenn sie ihr eigentliches Ziel nicht erreicht.

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