Sei deinem Kind ein guter Vater!

“Und sei ihr ein guter Vater” – als ernstgemeinter Rat von Vater zu Vater, richtet der blutige Baron diese Worte an Geralt von Riva, Hauptfigur des Rollenspiels The Witcher: Wild Hunt, der verzweifelt auf der Suche nach seiner Ziehtochter Ciri ist. Der blutige Baron, einer der vielen Person, die Geralt auf seiner Suche nach Ciri begegnet, verlor dagegen gerade Ehefrau und Tochter in der intensiv erzählten Quest “Familienangelegenheiten”. Über den ganzen Erzählbogen der Quest erfährt man als Spieler zusammen mit Geralt die grausame Wahrheit, die Mutter und Tochter dazu zwingen zu fliehen. Denn Phillip Strenger, der aufgrund seiner Grausamkeiten im Krieg auch “Blutiger Baron” genannt wird, neigt zum Alkoholismus und lässt regelmäßig seine Aggressionen an seine eigene Ehefrau aus. Je nach Entscheidung des Spielers kann Anna Strenger im Verlauf dieser Quest sterben und Phillip söhnt sich niemals mit seiner Tochter aus. Es ist also vielmehr die Bitte eines gescheiterten Vaters, seine Fehler nicht zu wiederholen. Dennoch haben schon zahlreiche Videospielväter vor Phillip Strenger um die Liebe des eigenen Kindes gekämpft, und auch die Generation nach dem blutigen Baron wird erneut handeln müssen, wie der Beitrag zu Elterndarstellungen im Allgemeinen und Vaterfiguren im Speziellen aufzeigen möchte.

 

Heilige Mütter, unheilige Väter

Hinter dieser Quest, nein, gar hinter dem ganzen Spiel verbirgt sich nämlich ein narratives Klischee, dass viele digitale Spiele dieser Zeit außergewöhnlich oft behandeln: Die Beziehung zwischen Vater und Kind. Denn während das Verhältnis zwischen Müttern und ihren Kindern fast heilig und unantastbar scheint, ist die Bande zwischen Vätern und ihren Kindern im Spiel wie ein Minenfeld. In der oftmals vereinfachten Narration der digitalen Spiele haben Mütter fast neun Monate während der Schwangerschaft Zeit eine enge körperliche sowie geistige Bindung zu ihrem noch ungeborenen Kind aufzubauen. Gleichzeitig spielen diese Geschichten mit der Erwartung der Spieler, dass die Väter nach der Geburt sofort funktionieren müssen  – oder eben auch nicht. Solche stilisierten Elternbilder haben sicher ihren Ursprung in der Erzählform des Hollywoodkinos und wurden von Videospielen anschließend adaptierten, wie große AAA-Titel der letzten Jahre, wie das oben bereits erwähnte The Witcher: Wild Hunt, God of War (2018) sowie Bioshock: Infinite oder die Final Fantasy Reihe zeigen.

Dabei spielen Mütter eine nicht ganz unwesentliche Rolle in der konfliktreichen Beziehung der Väter zu ihren Kindern. Mütterlichkeit gilt in Videospielen oftmals als eine Tugend, die mit Heiligkeit, Friedlichkeit und Reinheit symbolisch gleichgesetzt wird. Die Liebe und Innigkeit sowie der mütterliche Schutz einer Mutter zum Kind wird selten vom Spiel hinterfragt: Eine Mutter, die an maternale Depressionen leidet? In den Erzählungen der Spiele bisher noch undenkbar! Vielmehr opfern sich die Videospielmütter dieser Welt stets für ihr Kinder. Ein Großteil der jungen Videospielfiguren sind nämlich Halbwaisen oder wurden nur von einem Elternteil aufgezogen: Princ Noctis (Final Fantasy XV), Ellie (The Last of Us), Elizabeth (Bioshock: Infinite), Atreus (God of War), Aloy (Horizon: Zero Dawn), Sara und Scott Ryder (Mass Effect: Andromeda) usw.
Ein Vater hat es dagegen schwerer, denn er muss im Verlauf der Handlung eines Spiels seine Liebe zum eigenen Kind stets unter Beweis stellen. Dabei wird die Beziehung zwischen Vater und Kind stets an dem Verhalten der Mutter zum Kind gemessen.

The Witcher 3: Geralt und seine Ziehtochter Ciri

Väterliche Maxime

Der wohl derzeit bekannteste Vater-Kind-Konflikt wird zwischen dem spartanischen Halbgott Kratos und seinem Sohn Atreus im neuesten Teil der God of War Reihe ausgetragen. Als Spieler begleitet man die beiden auf eine traurige Reise. Nachdem Tod der Mutter, gilt es ihren letzten Wunsch zu erfüllen, nämlich ihre Asche am höchsten Punkt eines Berges zu verstreuen.
Während Kratos ein grimmiger Geselle ist, der der nordisch-mythologischen Spielwelt äußerst misstrauisch gegenübertritt, scheint sein Sohn die Attribute seiner beiden Eltern zu gleichen Teilen in sich zu vereinen: das gefährliche Temperament seines Vaters sowie die Intelligenz und Geschicklichkeit seiner Mutter. Doch schon zu Beginn des Spieles wird offensichtlich das Vater und Sohn nur wenig voneinander wissen. Kratos schätzt Atreus, der in seinen jungen Jahren häufig von Krankheiten geplagt wurde, als ein Schwächling ein. Er möchte ihn deshalb die beschwerliche Reise zum Gipfel des Berges nicht antreten lassen und testet sein Können im Verlauf des Spieles immer wieder.

Atreus sieht in seinen Vater zunächst nur einen grobschlächtigen Mann, der erst zuschlägt und dann nachfragt. Das Verhältnis zwischen den Beiden ist durch ein tiefes Missverständnisses des jeweils Anderen gezeichnet. Doch beide merken im Verlauf der Reise, dass es ohne Miteinander nicht geht. Kratos, der die Schrift und Sprache von Midgard nicht beherrscht, benötigt Atreus großes Wissen über die Kultur Midgards zur Bewältigung der Runen-Rätsel. Atreus, der sich niemals allein gegen ein tödliches Monster behaupten könnte, benötigt die Stärke seines Vaters.

Doch der Graben zwischen den Beiden ist noch tiefer. Schon einmal eine Familie durch blinden Hass verloren, möchte Kratos seinen Sohn mit aller Macht schützen und versucht dies, indem er ihm das väterliches Erbe verheimlicht. Atreus erhält dadurch nicht die Chance ein Verständnis für das Handeln seines Vaters zu entwickeln. Ihm fehlt die Hintergrundgeschichte, die der Spieler kennt, um eine Bindung zu dem alten, gebrochenen Witwer aufzubauen. Wir als Spieler verstehen Kratos Entscheidungen, seinem Sohn die eigene Vergangenheit zu verheimlichen, um die eigenen Fehler nicht zu wiederholen. Auch hier könnten die mahnenden Worte Phillip Strengers Schlimmeres verhindern.

Das Kind niemals in die eigenen Fußstapfen treten zu lassen, ist eine Maxime, der Kratos aber auch andere Videospielväter, wie Regis aus Final Fantasy XV, Corvo aus Dishonored, Alec Ryder aus Mass Effect: Andromeda und den schon eingangs erwähnten Geralt von Riva folgen. Es gilt die eigenen Fehler und Erfahrungen dem Kind nicht mit auf dem Weg zu geben. Das Kind nicht nach seinem eigenen Abbild formen. Viele Videospielväter wollen auf diese Art ihre Kinder schützen, ohne dabei ein tiefes Verständnis für zu entwickeln, was sie ihren Kindern eigentlich zutrauen können.

The Last Of Us: Joel und Ellie

Schützen oder ausbeuten?

Auf eine sehr verworrene und viel komplexere Art geht die Bioshock Reihe mit dem Handlungspotenzial, das eine Beziehung zwischen Vater und Kind birgt, um. Schon seit dem ersten Teil lässt sich ein roter Faden, der sich durch alle drei Teile zieht, erkennen; Väter, die auf der Suche nach ihren Kindern sind. Keines der vorher erwähnten Spielen geht dabei jedoch so kritisch mit Elterndarstellungen um, wie die Bioshock Reihe. Der riesige Big Daddy, der stets eine Adamsuchende Little Sister schützend begleitet, ist nicht vielmehr als eine überspitzte Stilisierung bekannter Typen von Videospielvätern. Die Möglichkeiten die man nach der Tötung eines Big Daddys für die Little Sisters hat, stellen dabei die zwei Wege dar, die Väter in Videospielen als Möglichkeit geboten wird: Schütze dein Kind oder beute es aus!

Die Kinder Raptures und später in Columbia (Bioshock: Infinite) zu schützen, erzählt eine ähnliche Vater-Kind-Handlung wie schon andere digitale Spiele. Sein Kind zu schützen, bedeutet im Spiel meistens das Kind – wie schon bei Atreus – nicht in die eigenen Fußstapfen treten zu lassen. Beutet man die Kinder jedoch aus, geschieht dies oftmals nur mit dem Ziel sie für die eigenen Zwecke auszunutzen und nach dem eigenen Abbild zu formen. So zeigt eine Parallelwelt in Bioshock: Infinite Elizabeth Comstock als Prophet, die in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist und New York angreift.

Aber auch das Umfeld in Videospielen kann einen Vater dazu zwingen sein Kind auszubeuten, wie die junge Ellie aus The Last of Us zeigt. Als Ziehtochter von Joel in einer grausamen, zombieverseuchten Welt, lernt sie das Kämpfen zum Überleben. Joel, der sich zunächst weigert, Ellie zu helfen, baut durch den gemeinsamen harten Kampf eine Beziehung zu dem jungen Mädchen auf. Beide retten sich im Verlauf der Handlung immer wieder gegenseitig. Die besonderen Umstände lassen aber auch keinen Schutz zu. Joel hat im Gegensatz zu Kratos keine Wahl; er muss seiner Ziehtochter das Kämpfen beibringen, sonst bedeutet es ihren Tod. Das Ergebnis folgt mit dem Trailer zum zweiten Teil des Spiels: Ellie sitzt in einem verlassenen Haus mit blutverschmierten Fingern auf einem Bett und spielt Gitarre. Im ganzen Haus verteilt liegen Leichen, die vermutlich von Ellie getötet wurden. Der Trailer endet mit den Worten Joels: “What are you doing kiddo? You really gonna go through with this?“, woraufhin Ellie schwört: “I will kill every last one”. Auf wen sich Ellie bezieht kann noch keiner wissen, da The Last of Us Pt. 2 noch nicht erschienen. Dennoch stellt sich am Ende des Trailers die Frage ob Joel diese Reaktion Ellies mit dem Lehren zu kämpfen, beabsichtigt und gleichzeitig damit provoziert hat. Es sind wieder Phillip Strengers mahnenden Worte, die daran erinnern, dass es oftmals nicht ausreicht im Spiel bloß ein guter, liebender Vater zu sein.

 

Ein Gastbeitrag von Jana.
Jana studiert in einem verschlafenen, bayrischen Barockstädtchen Kunstgeschichte und eine wilde Mischung aus Kultur-, Bild- sowie Medienwissenschaften. Wenn sie gerade nicht mit ihrem treuen Mops Napoleon Wälder und Felder erkundet, nerdet sie besonders gerne über Videospiele, Bücher, Serien und Filmen auf Twitter herum.

Ihr findet Jana bei Twitter: https://twitter.com/Mopsilla

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2 Comments

  • Guten Abend,

    wow, das ist ein richtig guter und schön kritischer Beitrag. Ich hab den Großteil der genannten Spiele gespielt oder zumindest dabei zugesehen. Aber so über die Darstellung der Väter habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber jetzt sehe ich die Parallelen.

    Und ich finde das irgendwo sehr schade. Denn es gibt auch tolle Väter- und schlechte Mütterbeziehungen. Nicht jede Mutter liebt und behütet ihr Kind automatisch. Und manche Väter lieben ihr Kind vom ersten Augenblick an, ohne das Erbe krampfhaft von ihnen fernzuhalten. Ich bin mal gespannt, ob es auch mal Spielfiguren mit solchen Konstellationen gibt. Oder gibt es sie bereits und ich kenne sie einfach nicht?

    Liebe Grüße
    Denise

    • Hallo Denise,

      vielen Dank für dein Lob! Es freut mich wahnsinnig das einige Parallelen sichtbar geworden sind. Ich habe kurz vor der Veröffentlichung des Beitrags mit Larissa über das Thema gesprochen und wir haben uns beide sehr schwer getan eine „realistische“ Elterndarstellung im Spiel oder aber auch Beziehung zwischen Müttern und ihren Kindern zu finden. Wir sind da eigentlich nur auf Fallout 4 gestoßen, das dem Spieler ja die Wahl überlässt und mir persönlich fiel jetzt noch Bioshock 2 ein, in der ja die Mutter die Antagonistin im Spiel ist. Aber Bioshock ist wirklich kein gutes Beispiel für Elternbeziehungen.

      Ansonsten fiel uns noch Flemeth und ihre Tochter Morrigan aus Dragon Age ein, aber auch hier ist das Motiv der Mutter Flemeth eigentlich der Schutz der Tochter, wie auch schon bei Bioshock 2. Also auch wenn die Mütter mal auftreten, sind ihre Motive meistens der Schutz des Kindes. Der Weg dahin ist dann auch mehr als problematisch. Ich denke das ist einfach ein Opfer der vereinfachten Narration im Spiel. Spannung kommt durch Konflikte, da tritt man schon mal gerne den „Realismus“ mit den Füßen.

      Liebe Grüße
      Jana

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