Vom virtuellen und realen Überlebenskampf

You Died

*Plopp* Ich bin geboren. Erste Amtshandlung: Ich schreie, weil ich Hunger habe. Jedoch ist niemand da, der meine Schreie hört. Also renne ich panisch umher, suche nach meiner Mutter. Nach wenigen Sekunden ist der Hunger zu groß, mein Bildschirm wird schwarz: „Du bist gestorben“ steht dort. Ich klicke auf „Wiedergeboren werden“.

*Plopp* Jetzt bin ich eine nackte, einsame Frau. Wieder renne ich panisch umher, suche nach Beerensträuchern. *Plopp* Ich bekomme ein eigenes, schreiendes, verhungerndes Baby. Ich nehme es auf den Arm, füttere es. Da es keine weiteren Beeren gibt, verhungern wir nach kurzer Zeit beide.

Solche oder ähnliche Szenarien habe ich inzwischen dutzende Male durchlebt. „One Hour One Life“ (OHOL) von Jason Rohrer ist ein einziger Überlebenskampf, bei dem mein eigenes Leben aber nur die Nebenrolle spielt. Im Mittelpunkt steht, dass sich meine Familie durchsetzt und zur Entwicklung einer Zivilisation beiträgt. Denn selbst, wenn ich nicht durch Hunger, wilde Tiere oder die Hand anderer Spieler sterbe: Spätestens nach einer Stunde Spielzeit hat mein Avatar 60 Jahre auf dem Buckel und bricht aufgrund von Altersschwäche zusammen. Ich kann also versuchen, mich alleine durchzukämpfen und so lange es geht zu überleben; oder ich akzeptiere, dass ich nur ein winziges Rädchen im großen Getriebe „Menschheit“ bin und trage meinen Teil zum Fortbestehen dieser bei.

Zunächst war ich aufgrund der rudimentären Grafik und Mechanik skeptisch. Inzwischen hat mich das Spielprinzip von One Hour One Life aber gepackt. Nicht zuletzt, weil mich fast jeder Durchlauf zum Nachdenken anregt. Ein paar dieser Gedankengänge möchte ich hier aufgreifen.

1. Das Leben ist verdammt kurz

Die eingangs beschriebenen Szenarien zeigen, dass der Tod ständiger Begleiter in Jason Rohrers Zivilisationssimulator ist. Kein Essen? Tod. Zu viele Kinder? Tod. Zu lange vor der Bärenhöhle rumgelungert? Tod. Die Kombination aus knallhartem Überlebenskampf und der Gewissheit, dass ich nach spätestens einer Stunde eh ins Gras beiße, lässt mich zwischendurch an der Sinnhaftigkeit meines Tuns zweifeln. Wie zum Teufel soll ich mit so begrenzten Mitteln und in so kurzer Zeit irgendetwas bewegen?

Eine wuselnde Gemeinschaft in One Hour One Life
Fünf Spieler, drei Generationen, eine Gemeinschaft (Screenshot aus Let’s Play von Checkpoint)

Hin und wieder werde ich dann in eine voll funktionierende, blühende Gesellschaft geboren. Jung und Alt wuselt über den Bildschirm, pflegt Babys, pflanzt und erntet Karotten, baut Werkzeuge und näht Kleidung. Dann macht es richtig Spaß, seinen Teil beizutragen und das Projekt am Laufen zu halten. Letzteres ist wichtig, weil sich nur funktionierende Gesellschaften – wie im echten Leben auch – stetig weiterentwickeln, Neues entdecken (es gibt ordentlich was zu entdecken) und immer bessere Lebensbedingungen für zukünftige Generationen schaffen. Im Spiel wie in der Realität geht es nur gemeinsam voran. Alle einzelnen, noch so kurzen, Leben ergeben zusammen eine Zivilisation.

2. Vertrauen ist verdammt wichtig

Was mich zu meinem zweiten Gedanken führt: Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn ich den Anderen und sie mir vertrauen können. Ein Beispiel: Ich ploppe aus dem Leib meiner Mutter und bin direkt Feuer und Flamme. Um mich rum wimmelt es von großen und kleinen, jungen und alten Menschen. Sie betreiben Ackerbau, backen, töpfern – was für eine Augenweide! Mit ein paar Haaren auf dem Kopf bemühe ich mich, die Felder zu bewässern und so für genug Nahrung für alle zu sorgen. Zu spät macht mich der Junge stutzig, der mit einem Messer hantiert. Wenige Sekunden später liegt ein blutiger Leichnam neben ihm, von der Tatwaffe tropft es rot. Ich renne weg, halte kurz inne um die anderen per Chatnachricht zu warnen, öffne die Konsole und… „Du bist gestorben“.

Tatsächlich wurde ich bisher erstaunlich wenig von anderen Spielern brutal ermordet. Aber der Vorfall zeigt, dass die Idylle einer funktionierenden Gesellschaft schnurstracks vergeht, wenn sich nur ein Rädchen falschherum dreht. Wenn ich als Kind nur auf meinen eigenen Hungerstatus achte und wahllos alle Karotten vom Feld futtere, verhungert meine Großmutter, die nicht mehr wie ich mit der Brust gefüttert werden kann. Ernte ich eine Seidenpflanze zu früh, wächst sie nie wieder nach und meine Gemeinschaft wird einer wichtigen Quelle für Fäden beraubt. Ohne Fäden keine Seile, keine Pfeile und keine Kleidung. Die Achtlosigkeit eines Einzelnen kann zum Aussterben Aller führen.

Die goldenen Regeln der OHOL-Community

So etwas Extremes ist in der (westlichen) Realität heutzutage kaum vorstellbar. Nichtsdestotrotz müssen wir einander vertrauen, damit beispielsweise Beziehung und Job funktionieren und wachsen können.

3. Wir haben’s verdammt gut

Wo wir schon bei der Realität sind: In One Hour One Life bewege ich mich, zumindest aktuell, hauptsächlich in der grauen Vorzeit. Nahrungsmittel und bewohnbares Land sind knapp. Dementsprechend ist jedes weitere Kind ein Risikofaktor, der mit Bedacht abgewogen werden muss. Zudem gefährden die Natur und ihre Bewohner (Bären und so) mein Leben unmittelbar. Mein einziges Ziel ist es, trotz all dieser Widrigkeiten das Überleben meiner Familie zu sichern. Habe ich Pech, werde ich als hilfloses Baby in im Wald alleine gelassen, ohne Chance, später einen Beitrag zu leisten. Habe ich Glück, werde ich in eine aufblühende Gemeinschaft geboren, die für mich sorgt und mir so ermöglicht, die Welt mitzugestalten.

Auch im echten Leben ist das nicht anders. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Leserinnen und Leser dieses Textes, wie ich auch, das Glück hatten, in Deutschland geboren zu werden. Nahrung muss ich hier nicht jagen oder sammeln; ich kaufe sie bequem im Supermarkt oder gar online. Obwohl die Mietpreise unentwegt steigen und einige Städte aus allen Nähten platzen, muss ein Großteil der Bevölkerung nicht in freier Natur, beziehungsweise auf der Straße leben. Wilde Tiere (Tauben, Ratten, Schnaken, Spinnen, etc.) nerven uns eher, als dass sie unser Leben gefährden. Der Sozialstaat sorgt dafür, dass ich bei Krankheit zum Arzt und bei Erwerbslosigkeit zum Arbeitsamt gehen kann. All das bedeutet, dass ich neben der Existenzsicherung (heutzutage über Arbeit und entsprechenden Gelderwerb) auch andere Ziele verfolgen und anderen Beschäftigungen nachgehen kann – wie beispielsweise diesen Artikel zu schreiben.

Hat ein Kind weniger Glück, dann wird es in einem afrikanischen Land wie Chad, Äthiopien, Südsudan, Nigeria oder Uganda geboren. Nach dem jährlich durch die University of Oxford erhobenen Index der mehrdimensionalen Armut leben in diesen Ländern aktuell die ärmsten Menschen der Welt. Ihnen mangelt es an Nahrung, Brennstoffen zum Kochen, Elektrizität, sanitären Einrichtungen, Medizin und Bildung. Während ich also in One Hour One Life versuche, meine digitale Sippschaft über die Runden zu bringen, kämpfen im Südsudan täglich mehr als neun Millionen Menschen (71% der Bevölkerung) mit „ernsthafter Armut“ – sie sind extrem unterernährt, haben mehrere Kinder verloren und werden ihren Stuhlgang (zwangsläufig) in aller Öffentlichkeit los.

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Um mit einer etwas positiveren Note zu Enden: One Hour One Life gefällt mir nicht primär, weil es verdammt herausfordernd ist; auch nicht, weil es mich zu Kooperation zwingt, wenn ich vorankommen will. Es gefällt mir vor allem, weil es mich angeregt hat, diesen Artikel zu schreiben. Einen Artikel, für den ich mich am Ende, wenn auch nur kurz, mit der realen, erschütternden Situation unglaublich vieler Menschen auseinandergesetzt habe.

PS: Jason Rohrer hat kürzlich ein Tutorial zu OHOL hinzugefügt, was den Einstieg erheblich erleichtert. Schaut doch mal rein 😉

 

Ein Gastbeitrag von Franz.
Franz ist PR-Berater bei Tag, Hobby-Podcast-Produzent und Games-Liebhaber bei Nacht. Da die Arbeit am Tag dann doch recht viel Zeit einnimmt, genießt er derzeit kleine, schnelle Runden in „Battlerite“ und kurze Leben in „One Hour One Life“. Bei Red Riding Rogue gibt er sein Autoren-Debüt.

Ihr erreicht ihn unter @RDT_Franz.

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